DAS MANTRA DES PAPAGEIS: DIEDERICHSEN TRINKT SCHORLE-WEISS

JULIE DRISCOLL & BRIAN AUGER – Season Of The Witch (Donovan Leitch)

 

Ich war verdammt gut an diesem Abend. Unschlagbar. Mein Torwart war stoisch wie der Eiffelturm, meine Abwehr undurchlässig wie die Berliner Mauer in den Siebzigern. Wenn ich dann doch mal einen durchließ, konterte ich bei nächster Gelegenheit umso hinterhältiger. An meiner Seite Eddie, mit dem ich an diesem Abend zum ersten Mal am Tisch stand und der fortan zum festen Partner avancierte. Seine Mittelfeldreihe hatte ihre Stärken im Passspiel nach vorne, die Sturmreihe glich mangelnde Technik durch eine fulminante Schussstärke und kompromisslose Schnelligkeit im Abschluss mühelos aus. Nach – mit Verlaub siegreichen – fast zwei Stunden am Tisch gestatteten wir uns, die Plätze zu tauschen, um den folgenden Teams neue Chancen einzuräumen. Eddie schien wie paralysiert und nach zwei Minuten lagen wir 0:4 hinten. Bis dahin hatte ich kaum einen Ball vor die Füße meiner Mittelfeld- und Sturmreihe bekommen. Ich war kurz davor, Eddie erneuten Platzwechsel vorzuschlagen, entschied mich wegen der Bloßstellung vor dem Gegner dagegen und ließ nach dem Einwurf meinen zentralen Regisseur einen Kracher los, dass das hintere Holz des Tischkickers ein kurzes, aber intensives Geräusch verursachte, als hätte King Kong mit den Zähnen auf eine Kokosnuss gebissen. Die Treffer zum 2 und 3:4 waren hart erkämpfter Natur, das 3:5 erzielte der rechte Verteidiger des Gegners, Eddie zuckte mit den Achseln und konterte mit seinem linken Verteidiger, der mit einem kurzen trockenen Schuss den Ball im rechten Viereck in die Holzkatakomben des Tischkickers verschwinden ließ. Kaum hatte Eddie die 4 auf unserem Konto verbucht, schickte ich den Ausgleich durch einen weichen aber äußerst trickreichen Flachschuss meines Mittelstürmers hinterher. Jetzt ging’s um die Wurst. Eddie und ich streiften die feuchten Hände an den Bluejeans ab und mit den Hemdzipfeln die Griffe unserer Spielerreihen. Das gegnerische Team verfuhr ebenso. Ich hielt den kleinen runden Hartball kurz in die Höhe, nahm Blickkontakt mit Eddie, dann mit dem Gegenteam auf, um den Ball letztlich einzuwerfen, der von meinem Mittelfeld in die gegnerische Mittelfeldreihe gedroschen wurde und von da in dessen Abwehrzentrum prallte. Dort jonglierte der Gegner den Ball geradezu aufreizend lange zwischen linkem und rechtem Verteidiger hin und her, um damit allen am Tisch nochmals das Ergebnis ins Gedächtnis zu rufen: 5:5. Keiner gibt Nervosität gerne zu, jeder verbirgt sie so gut er kann. Selbst die Gäste des Lokals respektive Zuschauer, nicht gerade wenige an der Zahl, hatten sich um den Tischkicker versammelt und schienen mit den Füßen zu scharren. Einer rief schon: “Was jetzt?“, als der Hintermann zum Schuss seines Lebens ansetzte. Mit aller Macht formierte ich meine Sturmreihe zum Pressing, fächerte die Mittelfeldreihe entsprechend, um nicht mal den Hauch einer Lücke entstehen zu lassen, Eddie schnaubte, brachte Torwart und die beiden Verteidiger in Position und dann geschah es. Der gegnerische Hintermann schaffte es vorbei an meiner Sturmdreierkette, hatte jedoch seine Mittelfeldreihe den berühmten Millimeter zu wenig angehoben, sodass der Ball gegen diese donnerte und dann in aufreizender Langsamkeit zurück ins eigene Tor kullerte, ohne dass der verdutzte Tormann eine Reaktion zeigte. 6:5 durch ein Eigentor des Gegners. Eddie kratzte sich im schütteren Haar, grinste übers ganze Gesicht, während das gegnerische Team entsetzt, ungläubig und staunend die Hände vor die Gesichter schlug. Ich riss die Arme in die Höhe, sah unter den klatschenden Zuschauern Heiderose Gahbe, die mir zulächelte. Eddie und ich beschlossen, den siegreichen Abend an dieser Stelle ad acta zu legen, widmeten uns der fünften Halbe und stießen unsere Henkelgefäße vorsichtig gegen Heideroses fragiles Prosecco-Glas.

Heiderose Gahbe war meine WG-Mitbewohnerin, meines Erachtens immer eine unglückliche Formulierung gegenüber dem gleichberechtigten Mieter einer gemeinsamen Wohnung. Auch sie war öfters Gast im Libero, jenes Szenelokals, das sich sowohl der guten Musik als auch dem guten Fußball widmete. Das Libero befand sich ganz in der Nähe unserer Zweierwohngemeinschaft und im Jahr 1992 des Öfteren von uns (allein oder auch gemeinsam) frequentiert. Das Libero war seinerzeit – nicht nur der räumlichen Nähe wegen – immer einen Besuch wert. Nicht nur die Musik und der Tischkicker lockten die Gäste, auch TV-Fußball-Übertragungen sorgten für ein volles Haus. Unter der Woche, vor allem montags und dienstags, fanden nur Wenige den Weg in das im Stuttgarter Süden gelegene Szenelokal. An einem langen Montag-Winterabend hatte mich ein quälender Bierdurst ins vielleicht 500 Meter entfernte Libero gelockt, wo ich mich an der leeren Theke platzierte, während an den Tischen einige Unverdrossene ihren Unterhaltungen und Getränken nachgingen. Gegen das hohe Fenster zur angrenzenden Straßenecke lehnte ein menschliches Wesen, das ich keinem Geschlecht zuordnen konnte. Der Musik lauschend hing ich meinen Gedanken nach, immer wieder das androgyne Wesen in Augenschein nehmend. Zu meiner Überraschung vernahm ich dann einen mir bekannt vorkommenden Song, den ich zunächst nicht zuordnen konnte. Zwei donnernde Gongschläge, die sofortige Aufmerksamkeit fordern, gefolgt von einer Stimme (mit großer Wahrscheinlichkeit die von Julie Driscoll), die so etwas Ähnliches wie „not too fast“ sagt. Dann zu entspanntem Bassschlagzeug eine verflucht sexy Rhythmus-Gitarre, die mir sofort die Wiedererkennung des Songtitels beibringt: Season Of The Witch. Mein Blick zum hohen Fenster neben der Eingangstüre sieht, wie das androgyne Wesen dazu die Hüften wiegt, den Hüftknochen für den Bruchteil einer Sekunde nach jedem Gitarrenriff eine spitze Pause setzend, um sogleich den Sex des Songs in eine sanfte Bewegung des Unterkörpers zu überführen. Die Frage nach dem Interpreten erübrigt sich sogleich, denn schließlich setzt die soulfull-süffige Stimme von Julie Driscoll ein. „When I look at my window/Many sides to see/And when I look in my window/So many different people to see” reflektiert sie, auch meinen Blick zum Fenster, der das androgyne Wesen im Augenschein hat, das nun die Arme in vorsichtigen, dennoch bestimmten schlängelnden Bewegungen ausführt, dahinter behäbige Autos, die sich durch den Schnee mehr schiebend denn fahrend mit gelben Scheinwerferlichtern ihren Weg bahnen, als Abbild auf meiner Netzhaut, „That is strange, it sure is strange“ singt Julie in die Szenerie der verschneiten Straße mit den dunklen Wagen hinter der Fensterscheibe, davor das tanzende Wesen, das zwischen Erotik und Sex in den Tanzbewegungen schwankt, während die Bitterstoffe der selbst gedrehten Zigaretten und des Bieres den Geschmacksnerven meiner Zunge zusetzen. „You’ve got to pick up every stitch” fährt Julie fort, wiederholt, die Intensität ihres Gesangs steigernd “You’ve got to pick up every stitch”, der Körper des Androgynen nimmt die Monotonie und Steigerung auf, in dem er mit dem Oberkörper kreist, abermals halb anklagend, halb inbrünstig, fordert Julie „You’ve got to pick up every stitch“ und dann zischen Orgel-Schlangen aus einem unsichtbaren Raum, den nun Brian Auger betreten hat und Julie Driscoll tanzt mit dem Androgynen in den gleichen Raum hinein, den Refrain, dreimal die Zeile „Must be the season of the witch“ wiederholend. Dann begibt sich der Song auf eine zweieinhalb-minütige instrumentale angejazzte Reise, auf der Brian Auger mit seiner Orgel über das Grundthema des Songs improvisiert, was dem androgynen Wesen mit seinem Körper ebenso gelingt, es beugt sich, wankt, kreist, schlägt mit den Flügeln, längst sind ihm Flügel gewachsen, dreht sich mehrmals um die eigene Achse, dann bricht Scheinwerferlicht in den Raum und geblendet schaue ich in die andere Richtung. „Well, I look over my shoulder/What do you think I see? Some little man lookin’ over his shoulder/Staring straight back at me” und tatsächlich schaue ich in das Gesicht eines Mannes mit einem ovalförmigen Bart um den Mund, auf der Nase eine hornbrillenähnliche Brille, ein bekanntes Gesicht, das ich zunächst nicht zuordnen kann, so wie ich zunächst den Song nicht zuordnen konnte. Ich überlege, während der Mann Schorle-Weiß bestellt, dann ist es klar[1]: Diedrich Diederichsen, in den Achtzigern Sounds- und später Spex-Redakteur. Der große Pop-Philosoph stand nun in leibhaftiger Größe neben mir, hinter meinem Rücken tanzte noch das Wesen, Julie kommentierte: „It’s strange/It’s strange/It’s strange/It’s strange“ und gab damit meinen Gefühlszustand auf beeindruckende Art und Weise wieder. Diederichsen hatte sich längst in ein Bündel Papier vertieft, machte hie und da Häkchen oder Anmerkungen, alles im Stehen wohlgemerkt und bestellte schon bald das nächste Schorle-Weiß. Ich wusste, dass der Popphilosoph inzwischen an der Stuttgarter Märzakademie dozierte und beobachtete ihn aus den Augenwinkeln heraus, dachte, dass der Mann einen ganz schönen Zug am Leibe hat, gleichzeitig das androgyne Wesen wieder in Augenschein nehmend, dem eine sonderbare Glückseligkeit ins Gesicht geschrieben stand. Die war sowohl von authentischer als auch gekünstelter Natur, dachte ich, während hinter der Fensterscheibe die nächtlichen Straßen mehr und mehr unbelebt von den Laternen zwischen Dunkelheit und Schnee beschienen wurden. Ich bestellte ein weiteres Bier, lugte zum Tischkicker, der unbeachtet im Halbdunkel des Nebenraums lag. „You’ve got to pick up every stitch“ wiederholte Julie Driscoll dreimal in aller Dringlichkeit, um ganz aus sich heraus „Must be the season of the witch“ ebenso dreimal in furioser Manier zu wiederholen, besser: zu variieren, um so den Song in sein Finale zu überführen, immer begleitet vom magisch-swingenden Groove der Rhythmusgruppe und naturgemäß Brian Augers Orgelspiel. Das androgyne Wesen zeigte noch keine Ermüdungserscheinungen, flatterte mit den Flügeln, immer noch in Fensternähe und hatte ein Lächeln auf dem Gesicht, das einerseits wie festgefroren, andererseits von ungekünsteltem Charme war. In einem lang gezogenen „Aaahhhhh“ verschwindet der Song wie Theaterschauspieler hinter dem gefallenen Vorhang.

Noch immer war ich nicht imstande, das Geschlecht des Wesens auszumachen, Diederichsen blätterte weiter in seinem Skript und nippte immer häufiger an seinem Schorle-Weiß, während ich dem Bier und meinen Gedanken frönte. Ziemlich unentschlossen harrte ich der Situation, denn hätte ich etwa den Pop-Philosophen ein Gespräch[2] reindrücken oder schlimmer, mit dem Androgynen das Tänzchen wagen sollen. Eine rein rhetorische Frage, die (in der Natur der Sache) unbeantwortet blieb, denn nun lief auch noch das 6:5 Tor vom vergangenen Samstag vor meinen Augen ab, nachdem ich wieder in das Halbdunkel des Nebenraums mit dem Tischkicker geblickt hatte. Alles in Slow Motion, doch nur mit meiner inneren Kamera und nicht wie seinerzeit in ran in unzähligen Perspektiven, die ich häufig hier im Libero bei den Freitagsspielen der Fußball-Bundesliga bestaunen durfte. Als ich abermals zum Fenster blickte, war das androgyne Wesen verschwunden, Diederichsen bestellte sein viertes Schorle-Weiß und ich mein fünftes Bier. Die Uhr war auf halb Elf vorgerückt, der Montag saß nun träge wie ein Stubenhocker im Libero. Ich drehte eine weitere Zigarette und musste mit ansehen, wie der Popphilosoph sein Schorle-Weiß in nahezu einem Zuge gänzlich leerte, seine Papiere bündelte, die Rechnung beglich und hinaus in den Schnee tapste.[3] Danach leerte auch ich schnellstens mein Bier, zahlte und ging hinaus in die Jahreszeit der Hexe. Zuhause fragte Heiderose Gahbe nach besonderen Vorkommnissen meiner kurzen Libero Stippvisite. Ach, wie die Montage so laufen, sagte ich. Siehste, sagte sie und verlor sich wieder in ihrer Magisterarbeit.

Den darauffolgenden Samstag begab ich mich erneut ins Libero, gemeinsam mit Heiderose Gahbe und dem uns wohlbekannten Physik-Studenten Oskar Le Frosch. Wir kamen, außer zu Getränkebestellungen, nicht über den Vorraum, der das Fenster des tanzenden Androgynen mit einschließt, hinaus. Dicht gedrängt standen wir mit unseren Getränken, fast atemlos harrten wir aus, immer wieder eine seltsame Stimme vernehmend. Hörst du das auch, vergewisserten wir uns untereinander, bis Oskar Le Frosch den Papagei im Blickwinkel hatte. Der Vogel wirkte lebensecht, bei genauerem Betrachten jedoch, von Heiderose als Imitation identifiziert. Was er vor sich hinbrabbelte, konnte nicht genauer eruiert werden. Am meisten von der Papageistimme bekam Le Frosch ab, der dann, nicht nur genervt von der Enge, sondern von eben jener Stimme, zur Tat schritt, sich durch die Menge wühlte, leihweise einen Stuhl entführte und dann den Papagei von seinem nur scheinbar sicheren Platz herunter beförderte. Er konnte aber genauso wenig wie Heiderose und ich den Ausschalter des künstlichen Federviehs finden. Ich schnappte das Spielzeugtier und sagte: “Hör auf!“’, worauf er mir genau dieses ‚Hör auf’, seiner Mechanik folgend, zum wiederholten Male hinauskrächzte. Schließlich schrie ich das Vieh lauthals an: Diederichsen trinkt Schorle-Weiß! Klar, dass er auch dies monoton und unaufhörlich hinausposaunte. Heiderose und Oskar bekamen einen Lachanfall, suchten verzweifelt das Tier auszuschalten, wobei sie nur Schlimmeres anrichteten. Statt des Ausschalters hatten sie den Lautstärkeregler bedient und nun brüllte das verwegene Ding sein Mantra: Diederichsen trinkt Schorle-Weiß! Diederichsen trinkt Schorle-Weiß! Zumindest ein Drittel der Libero-Gäste wurde davon beschallt und amüsierte sich des obskuren Papageis wegen. Nur Le Frosch wurde langsam ungehalten, schnappte seinen Mantel, dann das mechanische Tier und verschwand in der Nacht. Sogleich kehrte der samstägliche Libero-Alltag wieder ein, von Diederichsen und dem androgynen Wesen keine Spur, nicht mal Eddie hatte sich eingefunden. Grund genug für Heiderose und meine Wenigkeit, das Lokal in Richtung Heimat zu verlassen.

 

 Nie wieder danach hatte ich zusammen mit Eddie oder auch als Einzelspieler eine so überzeugende Phase am Tischkicker wie eingangs beschrieben. Ich spielte weiter, immer verbissener, immer auf der Suche nach der fantastischen Form dieses Abends, als wir kein einziges Spiel verloren. Vergebens natürlich, wie alles, was man zu verbissen angeht. Auch nie wieder habe ich das androgyne Wesen gesehen, in meiner Erinnerung ist es lebendig geblieben im Zusammenhang mit dem Julie Driscoll & Brian Auger Song Season Of The Witch. Den Papagei hatte Le Frosch unserer WG vermacht, wo er irgendwann achtlos auf dem Balkon lag und die Sprache verlor, weil keiner Geld für neue Batterien ausgeben wollte. Diedrich Diederichsen ist mir im Jahr 2000 nach einem großartigen Bob Dylan Konzert[4] in der Stuttgarter Schleyerhalle abermals begegnet. In der U-Bahn stehend, kaum drei Meter von ihm entfernt, nahm ich ihn wahr. Wie 1992 im Libero, wechselten wir kein einziges Wort.




[1]Klar wie Kloßbrühe hätte mein Vater wohl zum Besten gegeben.

[2]Hätte ihm zuprosten können als Rainald-Goetz-Ich mit einem Zitat aus Festung (1993)von Rainald Goetz: „ICHdarauf trinken wir einen/DIEDRICH auf uns/ALBERThoch die Tassen/ICHProst.“

[3]„Out Into The Snow“ (2009) ist der Titel eines Albums von Simon Joyner, den jemand mal trefflich als „the greatest songwriter you’ve never heard“ bezeichnete.

[4]Mein erstes Dylan Konzert nach 1978. Der Meister war 2000 in absoluter Hochform, war bestens gelaunt, tänzelte und spielte fantastische Versionen von u.a. Tangled Up In Blue, I Can’t Wait, I’ll Be Your Baby Tonight, Not Dark Yet, Love Sick, It Ain’t Me Babe und Not Fade Away.

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