Mathias Schüller – Affentanz (Cactus Rock Records)

 

 "Wozu der ganze Affentanz?" Das fragt sich nicht nur der deutsch singende Liedermacher Mathias Schüller, sondern viele von uns. Der Nachfolger seines Doppel-Albums "Fremder" heißt dann auch "Affentanz" und mit dem Titelstück beginnt die B-Seite der LP. Es handelt von Glück und Leid, von der Macht, die zum Staubkorn zerfällt und wird in rhythmischen, geheimnisvollen Versatzstücken, denen eine fein verspielte Melodie gegenübersteht, erzählt.

 

 Die A-Seite startet mit "Zauber", ein mit zärtlicher Spannung inszeniertes Liebes- und Begehrenslied. Diesem folgt "Schwarzes Haar", ein dunkles, von melodischen Keyboards beleuchtetes Roadmovie-Liebesmärchen, das ins weite Meer hinausführt und "Leinen los" ruft. Der tätowierte Rücken der Liebsten wird zur Landkarte, die zu Schönheit, zum Gold, und zu schlechter Letzt zum Teufel führt. Ein leichtfüßiges, zwischen Pop und Folk schwingendes Stück mit Sternen funkelnden E-Gitarren-Licks. Mit rhythmischen Folk- und Rockakkorden spiegelt das "Tagebuch": Du und Ich, die Geheimnisse, die Seelenpein. Nach dem bereits erwähnten Titelsong klopft es an der Tür, "Es ist nicht Helmut es ist Schwermut" und ein paar Zeilen später: "Hab' keine Angst Tiger/Es sind doch nur traurige Lieder und keine Biester", so heißt es in "Tiger", das die doppelbödige Raffinesse in Schüllers Liedtetxten aufzeigt. Dazu die beinahe schunkelnde und in Galgenhumor wiegende Melodie. Am Ende siegt die "Liebe" als Licht – und Schattenspiel, das Verzweifung und Hoffnung, Herz und Schmerz gegenüberstellt.

 

 Bei diesem "Affentanz" verschwimmen die Grenzen zwischen Realität, Traum und Albtraum. Der Zuhörer kann schon mal die Orientierung verlieren, sich aber immer festhalten an der wunderbar melancholisch wie lebensbejahend ausgeloteten Stimmung dieser Platte. An Schüllers sanft-männlicher Stimme, an den schwebend-schleifenden Stromgitarrenklängen (HB Hövelmann, Mathias Schüller), an den geheimnisvollen Percussions von Achim Theussen, am pochenden Schlagzeug und an der zwischen Spannung und Feingfühl gespielten Akustikgitarre, beides vom Protagonisten zum Besten gegeben. Schüller bedient zudem den Bass und klangmalert mit Keyboards.

 

 Nach dem reichhaltigen "Fremder" (22 Songs) ist "Affentanz" mit sieben Songs das kleine Werk mit großer Wirkung. Zwischen Rock, Pop und Folk ist Mathias Schüller ein Langspieler gelungen, der ihn in die erste Liga der deutschen Liederschreiber beamen sollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

ROK – Die Zärtlichkeit des Schneemanns

 

 

 

Normalerweise schreibe ich über Musik, aber wenn ein dermaßen starker Gedichtband ins Haus flattert, dann muss das unterstützt werden. ROK ist der Name des Autors, natürlich ein Pseudonym, umso mehr treten die Gedichte in den Vordergrund. "Die Zärtlichkeit des Schneemanns" ist der Titel dieses schmalen Bändchens mit 47 Seiten, auf denen die Lyrik in Kleinbuchtsbaben große Wirkung entfaltet. Alleine das Aufzählen einiger Titel wie "riss im asphalt", "spinnweben aus zuckerwatte", "säufer am fluss", "keine bar in sicht", "betonwand", "ohne dich ist die nacht ein irrtum" und "wenn die bäume walzer tanzen" lässt schon erahnen wohin die Reise geht. In einen poetischen Realismus, der auf nächtlichen Asphalt, nach Prag ("sucht in blau") um "zu küssen den süßen schmerz", zum "eisvogel" und anderen alltäglichen Wundern und Wunden führt. Innen- und Aussenwelten verschwimmen, der Schrecken und Wahnsinn lugt aus harmlosen, gewöhnlichen Figuren. Der Umschlag von Samuel Sieber reflektiert die Gedichte und umgekehrt. Der Leser erfährt hier neue Perspektiven, bleibt an einzelnen Wörtern hängen und verliert sich im Weiß zwischen den Buchstaben, um mit den nächsten Zeilen Hoffnung und Zärtlichkeit, manchmal scheint Ironie im Spiel, zu entdecken. ROK versteht es kein Wort zu viel, keines zu wenig zu verlieren. Ein jedes ist von Bedeutung und Gewicht. "Die Zärtlichkeit des Schnemmans" hat viele Leser verdient!

 

 

 

Erhältlich in der Buchhandlung Jastram in Ulm oder über deren Homepage https://www.jastram-buecher.de/ zu bestellen.

 

 

 

 

 

Schöfisch & Rueß – Klappern Knurren Rauschen (Ramshackle Records)

 

 

Manchmal bedarf es einer zweiköpfigen 60er Geburtstagsfeier um ein zweiköpfiges deutsches Punk-Noise-Rock-Monster namens Schöfisch & Rueß zu entdecken. Die können ihrem Albumtitel „Klappern Knurren Rauschen“ nach sogar noch einiges mehr. Zwischen 70er Punk a la Mittagspause/Fehlfarben und aktuellem Noise-Rock der Marke Die Nerven sitzt das vor Energie nur so strotzende Duo, das der Besetzung und Attitüde nach auch an The White Stripes, The Kills und The Death Letters erinnert. Wobei Simon Schöfisch auch der wunderbaren Indie-Pop/Folk-Rock-Band Die Autos angehört und auf seinem zweiten Standbein mit Daniel Rueß die Punk-Noise-Sau rauslässt. Was die beiden auf ihrem Album an Energie, Dynamik und Drama dem Hörer verabreichen bzw. im positivsten Sinne zumuten, ist aller Ehren wert. „Schlägerei“ ist ein echter Punk-Hit, wenn es so was überhaupt gibt und „Autobahn“ ein krachender Garagen-Blues-Rock. „Mit 1000 Augen“ ist allerbestes Lo-Fi-Gefrickel und „Zwei sind einer zuviel“ bläst einem die Ohren frei. „Mann von Welt“ stampft und marschiert zackig wie seinerzeit Mittagspause, Simon Schöfisch singschreit mit der gleichen Wut und Leidenschaft eines Peter Hein. Und was macht Daniel Rueß? Der prügelt auf die Felle als gäb's kein Morgen. Aber die Zwei können auch die sanfteren Töne: „Deine Stärke“ ist eine Laut-Leise-Ballade, ein Ausklang, der nach mehr verlangt. Deshalb auch Ausschau halten nach der Band Pelz, aus denen das Duo hervorging.

 

 

 

 

 

Michael Moravek – In Transit (Is What We Are) (Popup / Cargo)

 

Wie Indie-Rock erwachsen wird, demonstrierten uns 2015 die Planeausters mit ihrem Album „Humboldt Park“. Der Singer/Songwriter der am Bodensee beheimateten Band Michael Moravek, veröffentlicht nun seine erste Solo-Platte. Bereits der Titel „In Transit (Is What We Are)“ und das Coverartwork sorgen für Aufmerksamkeit. Wir befinden uns alle auf der Durchreise, sind unterwegs und Moraveks Blick ist von Ernsthaftigkeit geprägt, umgeben von einer Dunkelheit, die auch von den elf Titeln ausgeht. Melancholisch, wehmütig und sehnsüchtig werden diese inszeniert, wobei immer ein Streifen Hoffnung an den grauen Horizont gemalt wird. Mitgewirkt an dieser außergewöhnlichen Platte haben unter anderem unsere Rock'n'Roll-Lieblinge The Great Crusades, der gefragte Jazz-Trompeter Stephen Wright und der Waterboys-Geiger Steve Wickham. Mit letzterem tauscht Moravek Bücher aus, die von Kummer, Traurigkeit, Träumen und Liebe geprägt sind. Substantive, die Wickham in den Liner Notes auch für Moraveks Solo-Album gebraucht. Völlig zurecht, denn nahezu alle Songs schleichen sich ganz sachte ins Bewusstsein oder Unterbewusstsein des Zuhörers. Wobei manche Songs sofort, andere später ihre Strahlkraft preisgeben. Der Schönheit und Eindringlichkeit von „Lullaby On West Chicago Avenue“, „Falling Apart“, dem zweiteiligen Titelsong, dem Dylan-Cover „Dirge“, „What Are You Waving At“, „Might Be Tomorrow“ und „Shop On High Street“ kann sich kaum einer entziehen, denn diese Lieder ziehen einen bereits beim ersten Mal in ihren Bann. Dagegen brauchen „Man Falling From The Sky“, „Jules, Jules“ und „Insect Song“ einige Durchläufe, um ihren Kern herauszuschälen. Zwar schwingen Michael Moraveks Vorbilder wie Bob Dylan und The Waterboys auf „In Transit (Is What We Are)“ mit, dennoch hat Moravek längst seine eigene Stimme gefunden, die hier mit atmosphärsich-schönen und melancholischen Songs das ganze Spektrum des Künstlers nach außen kehrt. Dabei lässt er die Grenze zwischen Short Story und Song verschwimmen und kreiert ein musikalisches Roadmovie durch karge graue Landschaften, dunkle Wälder und Chicagos Großstadtdschungel. In Chicago und in Pfaffenhofen wurde das Album aufgenommen und jene Gegenpole wie Großstadt und Land, Licht und Dunkel reflektieren und irrlichtern in diesen Titeln, geben ihnen ihren speziellen Reiz. Dass Michael Moravek mit einer unverkennbaren Stimme gesegnet ist, weiß jeder, der Platten der Planeausters besitzt. Auf dieser Solo-Platte tritt ihr einzigartiger und unverwechselbarer Tonfall noch deutlicher in den Vordergrund. Letztendlich ist es aber das Gesamtpaket, das Moraveks Debütalbum zu einem wahren Genuss macht. Freunde von Singer/Songwriter-Americana müssen hier unbedingt zugreifen!

 

Waiting For Louise – Waiting For Louise EP (E=MC²)

 

Meines Wissens die erste Vinyl-Veröffentlichung der sympathischen Band Waiting For Louise vom Niederrhein. Dabei handelt es sich um eine EP mit vier Stücken, die es auf immerhin 25:40 Minuten bringt. Wobei natürlich Qualität vor Quanität geht und erstere steht bei W4Louise naturgemäß ganz vorne. Zunächst mag der ein oder andere monieren, dass hier mit "Soldier Boy" nur ein neuer Song zu finden ist. In der Sache zwar richtig, aber die anderen drei Titel wurden neu eingespielt und wer genau hinhört wird heraushören worum es Waiting For Louise geht. Die Vier spielen hier all ihre Reife, Erfahrung, eine gehörige Portion Gelassenheit und Ausgeruhtheit aus, die sie sich in langen Jahren des Interagierens angeeignet haben. Nicht was sie hier von sich geben, sondern wie sie es tun, steht auf der EP im Mittelpunkt. Detlef "Locke" Goch ist für die Rhythmusinstrumente (Cajon, Shaker, Glockenspiel, Tomtoms, Schellenring, Becken) zuständig und spielt keinen Ton zu viel, wobei jeder punktgenau und wirkungsvoll die Titel förmlich mitbestimmt, Die Bassläufe von Johannes Lehmann malen nicht nur einen dunklen Grund, sondern bringen den Songs die angemessene Schwingung bei. Ute Rettler hat ihre Gitarren im wahrsten Sinne des Wortes im Griff, gelassene Soli und gefühlvolle Melodielinien zeichnen ihr Spiel aus. Michael Mann bedient Suzuki, Gitarre, Harmonium, Banjo und Mundharmonika, die für die kleinen besonderen Momente der Songs sorgen. Seine unverwechselbare Stimme raunzt und maunzt wie eh und je, gewinnt jedoch auf dieser EP durch die bedächtig-konzentrierte Artikulation an Ausdruckskraft hinzu. Mann klingt wie eine verzögerte Kreuzung aus Robert Forster und Lou Reed, die letztlich ganz Michael Mann ist. Mann ist das gut geworden, möchte man der Band zurufen. Vier Songs, die wie aus Raum und Zeit gefallen scheinen. Musik, die dich zum Träumen, Nachdenken, Vergessen und Erinnern bringt. Hach! Jetzt sind wir auf den Geschmack gekommen und warten auf eine ganze LP mit Waiting For Louise covern Waiting For Louise.

 

Die EP kann auf der Homepage der Band bestellt werden!

Roadtracks #49

 

Andrea Schroeder – Void (Glitterhouse / Indigo)

 

 

Zum ersten Mal ziert ein Farbfoto das Cover eines Andrea Schroeder Albums. Was nun aber keineswegs die musikalische Ausrichtung verändert hat. Wie fast immer steckt der Teufel im Detail und den Beelzebub zitiert die deutsche Ausnahmekünstlerin gleich beim Album eröffnenden Titelsong herbei: „Pray to God/Pray to the Devil/What ever you share/it all goes down/in the void“. „Void“ (zu Deutsch: Leere, Nichts)  heißt sowohl das Stück wie auch die ganze Platte, die eben jene Leere und das Nichts ausleuchtet. Ein Licht- und Schattenkabinett, ein Spiel mit Kontrasten, mit Farben und nicht zuletzt mit den Klangfarben, die Schroeders Stimme auszeichnen. Eine Stimme, die hinab in die dunkelsten Gefilde des Unterbewusstseins führen kann, ebenso hinaus in gleißendes Licht und milde wie die ersten Sonnenstrahlen eines Frühlingstages klingen kann.  Geborgenheit und Angst kann dir diese Stimme vermitteln, sie liebkost dich, geht dir unter die Haut, lässt dich frösteln, sie ist schneidend scharf wie eine Rasierklinge. Sie tröstet dich wie roter Wein, tropft dir Blut warm auf deine Seele. „Deep inside there is sadness/There is wilderness and pain“, heißt es in „My Skin Is Like Fire“ und weiter: „When you’re lying by my side/I feel safe and warm/safe and warm“. Nicht nur warm ums Herz wird es einem beim Lauschen des dritten Albums dieser begnadeten Singer/Songwriterin. Melancholisch und dunkel ziehen die elf Songs ihre Kreise, hellen dann wieder auf, bergen Fragen, Überraschung und Zweifel wie der seitliche Blick der Schroeder auf dem Cover. Sie interpretiert wie schon auf „Blackbird“ und „Where The Wild Oceans End“ wieder ein Gedicht des Beat-Poeten Charles Plymell und fragt „Was Poe Afraid“, worauf es keine Antwort gibt, es ist der Inhalt der Fragen der zählt.

 

Nach dem grollenden Titelsong wird ein „Black Sky“ entworfen, Catherine Graindorges Violine zittert  verzweifelt, Mike Strauss‘ Piano funkelt am schwarzen Himmel wie Lichtjahre entfernte Sterne. „Burden“ ist ein verzerrtes E-Gitarren-Biest, ein Drama, ein Kreuzzug, Patti Smith krallt sich an Nick Cave. Ihre  Krallen ritzen „My Skin Is Like Fire“ in Velvet Underground & Nico Manier in die Haut. „Kingdom“ klingt mächtig, erhaben, aber auch dunkel, leer, zornig und anklagend. Und das „Little Girl“ hört die Bomben, sieht die Geister von Berlin und alles ist nur ein Traum. Die „Creatures“ suhlen in den 80ern und graben Crime & The City Solution, Hugo Race & The True Spirit und Rowland S. Howard aus. „Was Poe Afraid“ ist ein Gedicht im doppelten Wortsinn. „Turn the light on honey/I wanna see the moths“ sind Zeilen aus „Drive Me Home“ und es sind irgendwie auch Marlene Dietrichs Motten („Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“), die solange das Licht umschwärmen bis sie ihr letztes Zuhause finden: Ashes to ashes dust to dust. „Don’t Wake Me“ ist ein Wiegenlied für Verzweifelte, Nachtgespenster und all die einsamen, ruhelosen Seelen, die vielleicht nur träumen, dass sie schlafen. Kristof Hahn schwelgt dazu auf der Lap Steel und Mike Strauss (Piano, Orgel) bringt die Engel zum Weinen. „Endless Sea“ spannt den Melodiebogen zum Vorgänger „Where The Wild Oceans End“: „In the whispering of the endless sea/That’s where we are“ wird zum Mantra, zum Blick übers Meer: Ins Nichts, in die Leere, ins Licht, in die Ewigkeit.

 

Andrea Schroeder ist Patti Smith. Andrea Schroeder ist Nico. Andrea Schroeder ist Juliette Greco. Andrea Schroeder ist Marlene Dietrich. Und zuletzt ist Andrea Schroeder ganz einfach Andrea Schroeder. Die vielen Referenzen, die ihr zuteilwerden, zeigen nichts anderes als ihren Reichtum an Facetten auf. Was sie mit „Void“ beeindruckend und nachhaltig unter Beweis stellt. Ein zum Sterben schönes Album!!!

 

Roadtracks #49

 

Nick Waterhouse – Never Twice (Innovative Leisure / Groove Attack)

 

Bei Liebhabern der R’n’B-Szene hatte Nick Waterhouse bereits nach einigen Singles und seiner LP „Time’s All Gone“ (2012) Kultstatus erreicht. Der würdige Nachfolger „Holly“ (2014) war mehr als Bestätigung. Mit „Never Twice“ beweist der Südkalifornier sein Können erneut. Der Komponist, Sänger und Gitarrist bringt wieder seine messerscharfen E-Gitarren-Riffs/Licks und seinen bellend-bäffenden Gesangsstil ein. Seine Kompositionen richten sich abermals am Stil der 50/60er R’n’B-Szene aus, wobei er dieses Mal dem Jazz und Boogaloo mehr Raum zugestand. Dementsprechend sind die Grooves teilweise freier und luftiger, ohne dass Waterhouse sein Konzept aufgibt. Eine vorsichtige, aber auch weitsichtige Weiterentwicklung. Das heißt: Waterhouse ist nach wie vor eine coole Socke und in Höchstform. „Never Twice“ bekommt auf einer 10er Skala mindestens 9 Punkte!!

Roadtracks #49

 

Orkesta Mendoza – ¡Vamos A Guarachar! (Glitterbeat / Indigo)

 

Sergio Mendoza wurde in der Stadt Nogales, in der die Grenze zwischen Mexiko und der USA verläuft, geboren. Folglich ein echter Grenzgänger, der musikalisch gesehen, nahezu alle Grenzen hinter sich lässt. Er war bereits mit Bands wie Calexico und Devotchka unterwegs und hat sich schließlich entschlossen das Orkestra Mendoza ins Leben zu rufen. 2012 veröffentlichte das Ensemble „Mambo Mexicano“, das bereits im Titel das Genre andeutet. Mit dem vorliegenden „¡Vamos A Guarachar!“ gehen sie ein Stück weit offensiver vor, und zwar eine echte Spaß-Offensive, die aber keinesfalls als platte Blödelei daherkommt. Hier sind Profis am Werk, die ihre Spielfreude mir nichts dir nichts auf den Zuhörer übertragen. Dazu darf ausgelassen getanzt und der ein oder andere Tequila hinter die Binde gekippt werden. Der musikalische Cocktail enthält folgende Zutaten: Mambo, Cumba, Mariachi, Reggae, Rock’n’Roll, Jazz und Pop. Dabei spielen sie ihre Songs mit einer furztrockenen Punk Attitüde herunter und eignen sich als Party Zündstoff und Tanzflächenfüller.  In Zeiten, in denen wieder Mauern, Stacheldrähte und Grenzen entstehen, reißt das Orkestra Mendoza selbige einfach ein und hat Spaß dabei.

 

Roadtracks #49

 

The Hidden Cameras – Home On Native Land (Outside Music / Yep Roc / H’art)

 

Die kanadische Formation The Hidden Cameras galt bislang als Art-Pop-Band. Auf dem aktuellen Album „Home On Native Land“ widmet sie sich dem Country—und Folk-Pop, den sie hin und wieder mit Gospel-Soul garniert. Die Songs schweben förmlich in ihrer Luftig- und Leichtigkeit und zaubern einem ein Lächeln ins Gesicht. Mit zarten Streichern, einer Tränen ziehenden Pedal Steel, Harmonie-Chören, federnden Rhythmen und der weichen Singstimme von Mastermind Joel Gibb überzeugt die neue Herangehensweise auf der ganzen Linie. Nahtlos fügen sich dabei die Coverversionen „Dark End Of The Street“ (Dan Penn/Chips Moman) und „Don’t Make Promises“ (Tim Hardin) ins Konzept. „Home On Native Land“ hat zudem einen Melodienreichtum, den man den Hidden Cameras kaum zugetraut hätte. Wobei die Melodien dezent und unaufdringlich die Seele streicheln. Weit entfernt vom Art-Pop ist dieser Langspieler dennoch kunstvoll in Szene gesetzt. Wer des  Genres wegen bislang einen Bogen um The Hidden Cameras gemacht hat, der sollte jetzt mal über den Tellerrand hinaus blicken, denn sonst entgeht ihm ein ziemlich schönes Country-Pop-Album!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Matthew Logan Vasquez – Solicitor Returns (DevilDuck / Indigo)

 

Delta Spirit sind eine dieser unterschätzten Bands,  die im allgemeinen Veröffentlichungswahn immer wieder übersehen werden. Ob Mastermind Matthew Logan Vasquez  mit seinem Debüt-Soloalbum die verdiente Wertschätzung erfahren wird? Es ist ihm zu wünschen, denn „Solicitor Returns“ ist eine ebenso feinsinnige wie im Besten Sinne grobschlächtige Platte geworden. Der Teufel steckt beim US-Singer/Songwriter im Detail. Eines davon sind die elektronischen Störgeräusche des Intros/Titelsongs „Solicitor Returns“, das alsbald von „Maria“ abgelöst wird und die Wurzeln im US-Rock hat. Dennoch ist das Stück einige Meilen vom sogenannten Roots-Rock entfernt. Da stecken nämlich die Power des Grunge und die an Neil Young mahnenden sägend-schrillen Stromgitarren Exzesse drin. Und „Personal“ kehrt Rock’n’Roll und Punk hervor, aber die lässig-schmissige Variante. „I Bet It All“ sehnt und fleht mit Akustikgitarre, Harmonie süchtigen Chorstimmen und der wehmütigen, leicht angerauten  Stimme des Protagonisten. Gegen Ende des Titels wird der Bogen von Youngs „Harvest“ zu „Tonight’s The Night“ gespannt und steht doch auf Matthew Logan Vasquez‘ eigenen Füßen. „Everything I Do Is Out“ ist ein klares Statement und Bekenntnis zum Rock’n’Roll, der niemals sterben wird. Wenn er dermaßen leidenschaftlich und frisch präsentiert wird wie hier, müssen wir sein Ableben nicht fürchten. „Black East River“ ist Americana der allerschönsten Art und „Stand Up“ setzt auf das feinsinnig verflochtene Akustik- und E-Gitarrenspiel. Es ist eine klare Ansage, eine Aufforderung niemals aufzugeben, sich zu wehren. „Bound To Her“ verweist zunächst auf die Störgeräusche im Intro, die dann mit Vasquez‘ ergreifender Stimme einhergehen und in der Summe einen leuchtend schönen Song hervorbringen. „New York“ ist ein Stromgitarrenbad mit zum Weinen schöner Melodie, ihr wisst schon: In einer gerechteren, besseren Welt....

Zum Abschluss fliegt „Muerto Tranquila“ mit Piano und Chorstimmen einem himmlischen  Horizont entgegen. Matthew Logan Vasquez ist ein sehr gutes Album gelungen, das mit Details, exzellentem Songwriting, Griffigkeit und echten Emotionen überzeugt. Chapeau!

P.S. Das Album kommt via DevilDuck Records als Doppelvinyl, welches die 35-minütige „Austin EP“ beinhaltet, die mehr als eine Ergänzung zu „Solicitor Returns“ ist!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Francis – Marathon (Strangers Candy/Popup)

 

Bereits 2006 hat sich die schwedische Band Francis formiert. Bis zum ersten Album dauerte es allerdings bis zum Jahr 2011 und dieses erschien dann auch unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit, nämlich nur in Schweden.  Weitere fünf Jahre mussten vergehen bis das nun vorliegende Zweitwerk (das offizielle Debüt?) veröffentlicht wurde. Das Quintett taufte die aktuelle Scheibe „Marathon“ und womöglich war es eine lange Wegstrecke für die zwei Damen und drei Herren bis zur Fertigstellung. Bemüht klingt es dennoch nicht, im Gegenteil, die fünf Skandinavier bringen die Töne und Klänge förmlich zum Schweben und mit Petra  Mases‘ Stimme setzen sie dem Ganzen das Sahnehäubchen auf. Dabei schallen und hallen die Stromgitarren in allerschönster Dream-Pop-Manier. Sie zaubern Regen- und Melodiebögen in schillernden Farben, die einen gemeinsam mit Mases‘ Stimme in die Knie zwingen. Bass und Drums finden immer die passende rhythmische Unterfütterung, erden die erhabenen und glasklaren Klangwände. Eine Neuerfindung des Dream-Pop ist es nicht, aber eine wunderschöne Erweiterung des Genres. Ohne die Leistung der wirklich sehr gut agierenden Musiker schmälern zu wollen, die Sängerin macht mindestens 70% der Band aus. Wie sie es versteht mit ihrer Stimme zu schmeicheln, zu liebkosen und so unnachahmlich zu kieksen, damit bringt sie selbst Steine zum Erweichen. Francis sind eine echte Entdeckung!!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Steven James Adams – Old Magick (Fortuna POP!/Cargo)

 

Steven James Adams ist kein Geringerer als der Singer/Songwriter und Gitarrist der Broken Family Band. Er trat bereits 2013 mit seinem Solo-Debütalbum namens „House Music“ in Erscheinung. Adams ist wohlgemerkt Brite, hat aber mit der Broken Family Band Americana mit Pop und mal mehr, mal weniger mit Byrds-Psychedelik angereichert. Auf „Old Magick“ geht er meistens mit zarter, sanfter Seite an seine Songs heran. Wie Aquarell Tupfer werden Piano- und Akustikgitarren-Figuren gesetzt. Eine frühlingshafte Leichtigkeit durchdringt seine Lieder, Adams‘ Stimme schwebt förmlich mit den weichgezeichneten Klangmalereien. Zudem hinterlässt das Album einen sehr stimmigen, in sich geschlossenen Eindruck. Das mag beim Nebenbei hören ein wenig dahinplätschernd wirken, offenbart jedoch mit wachem Geist und offenen Ohren eine zauberhafte Poesie. Eine Platte für stille Genießer. Augen zu, „Old Magick“ hören und träumen!!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Wakey Wakey – Overreactivist (The End Records / ADA-Warner-Music)

 

Hinter Wakey Wakey steht vor allem Singer/Songwriter und Pianist Michael Grubbs aus Richmond, Virginia. Seine Mutter war Musiklehrerin und so ist es nicht verwunderlich, dass er bereits mit fünf Jahren an den schwarz-weißen Tasten zu üben begann. Er studierte Musiktheater und bekam auch viele Rollen, aber sein Ziel war es als eigenständiger Sänger und Liederschreiber bekannt zu werden. An die zehn Jahre jobbte er in New York und versuchte über Open Mic Nights entdeckt zu werden. Dabei traf er eines Abends auf eine Frau, die für die Serie „One Hill Tree“ arbeitete. Das Resultat: Grubbs‘ Titel „War Sweater“ wurde in der Serie gespielt. Ein echter Türöffner, Grubbs war daraufhin vier Tage lang der Top-5-Suchbegriff auf Google und eine Tour mit James Blunt folgte. Unter dem Namen Wakey Wakey erscheint nun der dritte Longplayer namens „Overreactivist“, das den Amerikaner wieder zurück zu seinen Wurzeln bringt, die er mit seinem zweiten Album etwas aus den Augen verloren hatte. Was übersetzt heißt, dass er die Produktion zurückfuhr und wieder vermehrt auf Pianoballaden setzte. Dabei geht er die Klaviatur der Steigerungen von leise bis überbordend durch und dies meistens innerhalb eines Songs. Das Piano und die emotional aufgeladene Stimme von Grubbs stehen wiederholt im Mittelpunkt, werden mit Streichern, Rhythmik und weit gespannten Melodiebögen umrandet und streben empor. Wobei Grubbs‘ Stimme jene Steigerungen mit all seiner Emotionalität ausformuliert. In den ruhigeren Phasen der Stücke kommt einem Damien Rice in den Sinn, in den lauteren die frühen Waterboys. Auch die schwungvollen Melodien, wie wir sie von Panoramic & True kennen, werden hier in Wakey Wakey Manier aufbereitet. Man fiebert und leidet förmlich mit bei diesen Songs oder geht mit jenem erhabenen Gefühl einher, das „Overreactivist“ ausstrahlt. Tolle Platte!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Korey Dane – Youngblood (Innovative Leisure / Rough Trade)

 

Americana im Stil von Ryan Adams und Jason Isbell hat der Amerikaner Korey Dane im Programm. Mit gehauchter Stimme singt er sich durch sein Album namens „Youngblood“, das alle Tempovariationen  abdeckt. Dabei überzeugt der Kalifornier vor allem mit seinen Balladen. Seine versierten Begleitmusiker setzen entsprechende Akzente. Da wäre die George-Harrison-Gedächtnis-Gitarre auf „Little Dream“ zu erwähnen sowie eine hin und wieder auftauchende tränenziehende Pedal Steel. Ab und an werden  im Hintergrund silbrige Pianotakte gespielt oder eine atmosphärische E-Gitarre zieht ihre Bahnen. Das ist alles sehr gut in Szene gesetzt, Handwerk und Songwriting sind entsprechend. Das Problem dabei: Ryan Adams und Jason Isbell machen das besser und Korey Dane hebt sich zu wenig von ihnen ab. Auch an deren Intensität und Magie reicht der Singer/Songwriter noch nicht ganz heran. Nichtsdestotrotz sollte man den jungen Mann deswegen nicht abschreiben, denn genau so wie die Mängel sind auch seine Talente offensichtlich. Folglich dürfen wir Korey Dane weiter beobachten, denn „Youngblood“ ist gewiss kein schlechtes Album, ihm geht lediglich (noch) die Eigenständigkeit ab.

Kritik in Roadtracks #47:

 

Michael Lane – The Middle (Greywood / Timezone)

 

Michael Lane ist der Sohn einer Deutschen und eines US-amerikanischen GI und wurde 1986 in Nürnberg geboren. 1993 zog die Familie nach Wisconsin in die USA. Als US-Soldat wurde er in den Krieg nach Irak und später Afghanistan geschickt. Für Michael Lane waren dies wichtige Erfahrungen, die ihm die Sinnlosigkeit des Krieges vor Augen führten. 2012 zog der Singer/Songwriter wieder nach Deutschland und gründete eine Familie. 2014 erschien sein Debütalbum „Sweet Notes“, dem nun „The Middle“ folgt. Lane gehört zu den sanften Singer/Songwritern und wird hauptsächlich von akustischen Instrumenten begleitet. Hin und wieder werden auch Bass und Drums eingesetzt, was „The Middle“ gut tut und für Abwechslung sorgt. Im weiten Feld zwischen James Blunt und Damien Rice agiert Lane mit seiner sanft wiegenden Stimme und findet dazu die passenden Klänge. Dabei gelingt es ihm die seichten Gewässer vom erwähnten Blunt zu umschiffen, schafft es jedoch  nicht in die außerordentlichen von Rice zu schwimmen. Aber wem gelingt das schon? Deshalb bleibt festzuhalten, dass der Deutsch-Amerikaner Songs schreiben kann, die für die ruhigen, nachdenklichen und poetischen Stunden des Lebens gedacht sind.

Kritik in Roadtracks #47:

 

Purple Souls – Williamsburg (Williamsburg RAR / Motor /Edel)

 

In Salzburg werden nicht nur Nockerln serviert, es gibt dort auch eine lebendige Popmusik-Szene. Diese wird nun von den Purple Souls bereichert, die erstmal Österreich den Rücken kehrten und es nicht unter New York machten. Im dortigen Künstlerviertel Williamsburg, auch der Titel ihres Debütalbums, wurde an den 12 Songs gefeilt. Und dann kam Sandy, nicht etwa eine Liebschaft oder ein neues Bandmitglied, sondern der Hurricane gleichen Namens. Einige Tage verbrachten die purpurnen Seelen ohne Strom und konnten die Gedanken neu ordnen. Letztendlich wurde die Platte fertiggestellt und der Hurricane hat durchaus Einzug in den musikalischen Kosmos der Salzburger gehalten. Aufbrausende und in die Höhe schießende Klänge türmen sich auf „Williamsburg“, um dann wieder runterzufahren, die zurückhaltenden Emotionen auszukosten. Dementsprechend lösen die Titel dunkle, melancholische, aber auch lebensbejahende Gefühle aus, der Zuhörer wird zwischen Ebbe und Flut hin- und hergerissen. Oder er verliert sich im musikalischen Wirbel des tosenden Hurricanes. Bei „Williamsburg“ handelt es sich vor allem um opulenten Indie-Pop mit alarmierenden Stromgitarren, treibend-atmosphärischen Synthies und donnernden Rhythmen. Das lässt sich dann irgendwo zwischen Blaudzun und U2 ansiedeln. Die Produktion ist sauber und klar, der  Loudness War wird etwas übertrieben und hätte etwas differenzierter ausfallen können. Aber für ein Debüt haben die Purple Souls ganz ordentlich abgeliefert.

Die Autos – Was wichtig war als Trost (Ramshackle Records)

 

Die Autos überreichten uns zum zehnjährigen Jubiläum die halbstündige EP „Rein in die Mystik“. Jetzt fahren sie einfach weiter, wobei sie selbst von ihrem bislang schwersten Veröffentlichungsbrocken berichten. Die Jugend ist vorbei, aber sie sind noch weit davon entfernt als Oldtimer bezeichnet zu werden.

 

„Was wichtig war als Trost“ ist der Titel ihrer sechsten Veröffentlichung, ein nachdenklicher Titel, der auch die melancholische Stimmung der elf Songs widergibt. Auf der anderen Seite sprühen die Tracks auch wieder den von ihnen bekannten Optimismus und Lebensfreude aus. Es sind genau diese Gegenpole, die wieder die spezielle Dynamik und Spannung der schwäbischen Band hervorbringen.  Da wäre gleich der Opener „Liebe und Hass“ zu nennen, eine an Bruce Springsteen geschulte Hymne mit wehmütiger Mundharmonika und trotzig nach vorne stürmender Melodie und Rhythmik.  Zudem lässt der Titel ein psychedelisches Leuchten aufflammen. „Flaches Wasser“  und „Ich fange an aufzuhören“ flimmern zwischen Go-Betweens und den Byrds, hach wie schön es  sich darin schwelgen lässt.

 

Die Autos wollen „Alles“ und „Mein Schatten“ stellt sich dem Tod, der dunklen Seite und hat dennoch Hoffnungsfunken, die Zeile „Zeit, Zeit neu zu starten“ zeichnet den Neubeginn vor. Dass „Dieser Zauber“ nicht ewig dauert zeigt der Refrain: „Es gibt da diesen Zauber, den die Jugend verleiht / Doch dieser Zauber ist längst vorbei“. Danach werden wieder „Lichter“ entzündet, wurde schon erwähnt wie herrlich Die Autos ihre Chorstimmen einsetzen. „Von Halt zu Halt“ erinnert an die schunkel-schönen Element Of Crime Songs, Sven Regener ist ein Seelenverwandter. Auf „Geisterhand“ rollt eine Orgel den schillernden Teppich aus, auf dem die E-Gitarren schrammeln und twangen. „Um zu bekommen was wir wollen“ müssen wir Die Autos hören, wieder und wieder, mit ihnen dem Alltag trotzen und träumen. Und an Silvester den finalen Albumtitel „Neujahr“ hören, der die Stimmung zwischen Nachdenklichkeit, Feuerwerk, Trunkenheit und Neubeginn einfängt.

 

Die Autos fahren mit ihrem aktuellen Langspieler dem blau-grauen Horizont des Coverartworks entgegen. Sie knüpfen damit an ihre bislang düsterste Platte „Hartes Langzeitglück“ (2010) an, aus toten Winkeln bringen sie uns nun an einen dunkel-psychedelischen Ort, an dem die Sterne am finsteren Firmament blitzen und  leuchten. Auch der harte Asphalt hat seine Spuren hinterlassen und der Hörer weint wieder mal vor Glück! Die Songschmiede aus dem Ländle sind wie gute Freunde, die einem längst ans Herz gewachsen sind und nicht mehr missen will. Eine neue Autos Platte ist Trost genug für frohgelaunte Landeier und Großstadtmelancholiker. Ihr Spiel mit Schatten und Licht, Liebe und Hass, Zauber und Wasser, Geisterhand und Neujahr ist ganz großes Indie-Pop-Theater!

Empfehlenswertes Projekt (Blog, Buch etc.) von Simon Steiner: Wie der Punk nach Stuttgart kam.

Ein Besuch auf der Website lohnt sich: hier

Rusty Nails – Big City Tracks (E=MC²)

 

Als Krautrockband begannen die Rusty Nails, bei denen der fleißige Sänger und Liederschreiber Michael Mann (Waiting For Louise, Songs To The Siren) den federführenden Frontmann abgibt. Nach 20 Jahren Pause sind nun die rostigen Nägel zurück, die – nun ja – den alten Rost des Krautrock abkratzen. Darunter glänzen die Spuren der Großstadt in rot-gold-gelben Farben, das aufgeklappte Digipack ist ein echter Eyecatcher. Ebenso das Booklet, das viele Fotos und alle Texte der Eigenkompositionen enthält. Ute Rettler, die auch bei Waiting For Louise in die Saiten greift, hat ihr Gitarrenspiel für die Rusty Nails irgendwo zwischen den Eagles und J.J. Cale verortet. Da reichen sich Spannung und Entspannung die Hand. Jörn Bücher spielt Keyboards, auf dem Instrumental „Line Nine-O-Nine“ orgelt er zwischen Jon Lord und Al Kooper, während er auf einigen anderen Titeln sein feinsinniges E-Piano in Richtung Steely Dan rückt. Ebenso lobenswert wie er Mellotron und Synthesizer  unaufdringlich, aber wirkungsvoll zum Einsatz bringt. Der Mann an den Tasten spielt eine  wichtige und gewichtige Rolle bei den Rusty Nails. Schlagzeuger Detlef Goch  und Bassist Ulrich Adler bereiten ein lässig federndes Fundament und Michael Mann maunzt und raunzt seine gewitzten Texte ins Mikrophon. Er zählt für mich zu den besten deutschen in Englisch singenden Sängern. Die Fremdkompositionen „A Long December“ (Counting Crows) und „Late Blues“ (Ida) interpretiert das Quartett mit viel Feingespür und Empathie. Das Album „Big City Tracks” lässt sich viel Zeit, die acht Titel haben nahezu alle Überlänge und dennoch gerät es zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Dass sie dabei ein eigenes und eigensinniges Werk vollbrachten, das kaum Vergleiche zulässt, ist ihnen hoch anzurechnen. Als grobe Orientierung würde ich den  Country-Rock der Eagles, die Westcoast-Eleganz von Steely Dan sowie Yacht- und Soft-Rock-Elemente der 70er anführen. Wobei die Reste am übrig gebliebenen Rost dem Klangbild gut tun. Zudem ist die Laid-Back-Atmosphäre geradezu greifbar, gar nicht so selbstverständlich in unseren schnelllebigen modernen Zeiten. Außerdem legt die Platte ihre anfängliche  Unscheinbarkeit nach und nach ab. Letztlich interagieren das Hören, das Lesen der Texte und Betrachten des Artworks auf ganz wundersame Weise. Also: Augen und Ohren auf und Fahrbahn frei für die „Big City Tracks“!!

Günter Ramsauers Musik-Rezensionen für MusikBlog, CDStarts und Roadtracks

Planeausters – Humboldt Park (Popup / Cargo)

 

Mit neuem Label und Vertrieb im Rücken startet das international besetzte Trio nochmals neu durch. Überzeugten die Drei bisher mit spannungsgeladenen und vielschichtigen Indie-Rock-Songs, sind auf ihrem aktuellen Album „Humboldt Park“ die ausgereifte Kompositionstechnik und eine Hinwendung zu Americana auszumachen. Unter Mithilfe der befreundeten Band The Great Crusades entführen uns die Planeausters in den „Humboldt Park“, einem berüchtigten Stadtteil Chicagos, in dem die elf Titel im Joyride Studio aufgenommen wurden. Brian Leach und Brian Krumm (beide von The Great Crusades aus Chicago) waren bei den Aufnahmen zugegen und steuerten ihren Teil zum Gelingen bei,  wobei die unverkennbare Handschrift von Singer/Songwriter und Gitarrist Michael Moravek dem Ganzen seinen ureigenen Stempel aufdrückt. Moraveks Vorbilder Bob Dylan und Mike Scott (The Waterboys) schimmern zwar wiederholt durch, dennoch zeichnen sich die Planeausters durch Eigenständigkeit und einen hohen Widererkennungswert aus. Selbst der amerikanische Schriftsteller Paul Auster, der auch Teil des Bandnamens ist, hinterlässt immer wieder seine Spuren. Dementsprechend geheimnisvoll und spannend verläuft der blutgetränkte rote Faden durch das Album. Gleich zu Beginn verströmt „Wouldn’t Say It’s Over, But It’s Gone“ so viel Herzblut, dass der Zuhörer nicht anders kann als mit zu schwelgen in all der Sehnsucht, Melancholie und Leidenschaft, die in diesem einzigartigen Song stecken. Auf „The Golden Days Of Missing You Are Over“ und „Never Shall You Die“ dürfen Trompete und Flügelhorn (Stephen Wright) das ohnehin schon satte und dennoch luftige Klangbild verstärken. Selbst Krautrock-Einflüsse sind auszumachen, das Instrumental „All I Want Is Freedom“ zeigt Per Ceurremans als kreativen Trommler und William Bruce Kollmar als tiefgründigen Bassisten. Und Titel wie „When  You Were Mine“, „Never Forget“, „Stranger In A Stranger’s Clothes“, „Out Of The Deep“ und „Heroine“ sind federleicht wie die Flügelschläge der Vögel, die das wunderbare Coverartwork zieren. Und desgleichen von einer zurückhaltenden Zugkraft wie das Flugzeug zwischen den Baumwipfeln. Der Traum vom Fliegen wird wahr, weil hier jeder Song ein Treffer ist! Dabei entsteht wie von selbst und scheinbar mühelos das große Ganze. Bereits beim ersten Durchlauf  nimmt das Album Gestalt an, die nach mehreren Hörsitzungen geradezu in die Höhe schnellt. Klarer Fall für die Jahresendabrechnung!


ROADTRACKS #44


Dan Mangan + Blacksmith – Club Meds (City Slang / Universal)

 

Dan Mangan gehört zu jener Sorte Singer/Songwriter, die sich ständig weiterentwickeln. Zwischen den Koordinaten Indie-Pop und Folk-Rock hat er sich bisher bewegt, nun fügt er ein Stück Art-Pop hinzu und setzt sich damit noch weiter von allzu gefälligen Folk-Pop Interpreten ab. Bereits der Opener „Oefred“ kommt mit Störgeräuschen daher, die sich in eine Art coolen Folk-Jazz verwandeln. Auch „Vessel“ schichtet Klanglandschaften, in denen sich verstörende Flötentöne, vertrackte Rhythmen und Free Jazz Bläser ineinander verhaken. Dagegen ist „Mouthpiece“ geradezu eingängig, dennoch dunkel rumorend und dräuend vorantreibend. „A Doll’s House/Pavlovia“ und „Kitsch“ basieren auf finsteren Bassläufen, scheinen gleichmütig vor sich hinzumurmeln, doch unter der blubbernden Schicht lauert eine unbestimmte Gefahr. „XVI“  hat einen seltsam meditativen, aber auch einen schleppenden Charakter, der von einer versöhnlichen Streicher- und Bläserschicht überzogen wird, bittersüß! „War Spoils“ brodelt scheinbar ruhig vor sich hin, schwillt an und wieder ab, mittendrin der nahezu monotone Bariton Dan Mangans. Dem mysteriösen „Forgetery“ folgt der dunkel funkelndeTitelsong. „Pretty Good Joke“ ist eine Art Elektro-Folk und das finale „New Skies“ in der Tat himmelsöffnend, eine Befreiung mit windschief klangmalernden Bläsern. Dass Mangan nun mit dem Zusatz bzw. der Begleitgruppe Blacksmith antritt ist kaum verwunderlich, denn die Musiker übernehmen tragende Rollen. Selbst der Bandname ist Programm, denn diese in Schwarz geschmiedeten Songs klingen in einigen Passagen als hätten Joy Division in der Gegenwart eine Folk-Rock-Platte eingespielt. „Club Meds“ ist ein Album, mit dem man sich lange beschäftigen kann und sollte, es verlangt dem Hörer uneingeschränkte Aufmerksamkeit ab. Wer zuhören kann, wird belohnt und entdeckt die Schönheit hinter bzw. in der Verstörung!

ROADTRACKS #44


Cracker – Berkley To Bakersfield (Freeworld / H’art)

 

Den Roadtracks-Lesern dürfte David Lowery kein Unbekannter sein. Camper Van Beethoven haben längst Kultstatus und konnten in den letzten Jahren auch wieder mit neuen Alben überzeugen. Auch Lowerys Solo-Platte „The Palace Guards“ war ein Treffer. Über zwanzig Jahre liegt die Gründung der Band Cracker zurück, die von Lowery und Gitarrist Johnny Hickman seinerzeit ins Leben gerufen wurde. Das Besondere am neuen Album ist erstmal der Umstand, dass sie nach vielen Jahren wieder in Originalbesetzung angetreten sind. Das heißt, dass neben Lowery und Hickman Davey Faragher und Michale Urbano wieder mit von der Partie sind. Dabei muss die Lust und Spielfreude groß gewesen sein, denn der geneigte Cracker-Fan kommt mit „Berkley To Bakersfield“ in den Genuss eines Doppel-Albums mit insgesamt 18 Songs. Es wird also geklotzt und nicht gekleckert im Hause Cracker. Geklotzt wird auch auf der ersten Disc, die zwar im typischen Bandsound daherkommt, der hier jedoch um klasse Power-Pop  sowie prima Pub- und Country-Rock erweitert wird. Es ist eine Freude den twangenden, nach vorne drängenden Stromgitarren zu lauschen und der unverkennbaren Stimme von Lowery. Die Rhythmusgruppe hat Wumms, spielt variabel und tight auf. Zudem sind die Songs schmissig und mit pfiffigen Melodien versehen. Auf Disc 2 überwiegen die Country-Anteile und der Rock tritt weitestgehend in den Hintergrund. Bass und Drums spielen nun federnd-beschwingt auf und wiederholt zieht eine Pedal Steel ihre herzerwärmenden und infizierenden Kreise. In Sachen Songwriting und Umsetzung ist auch diese Scheibe erste Sahne. Der Hörer darf so je nach Stimmungslage mit der einen oder anderen Disc vorliebnehmen. Als Gesamtpaket ist „Berkley To Bakersfield“ so gut geworden, dass einem die sagenhaften ersten beiden Alben „Cracker“ (1992) und „Kerosene Hat“ (1993) wieder in den Sinn kommen. Ob David Lowery solo, mit Camper Van Beethoven oder Cracker, die 10er präsentieren bislang Platten in Höchstform!

ROADTRACKS #44


A Place To Bury Strangers – Transfixiation (Dead Oceans / Cargo)

 

Seit 2007 traktiert uns die US-Band A Place To Bury Strangers mit einer kruden Mischung aus Shoegaze-, Noise-, Psychedelic- und Space-Rock. Nach ihrem selbstbetitelten Debütalbum veröffentlichten sie 2009 „Exploding Head“ und 2012 „Worship“. Und nun „Transfixiation“, das seinen Vorgängern in nichts nachsteht. Sie gehen wieder in die Vollen, was bei den New Yorkern bedeutet, dass sie die Fuzz Pedale bis zum Anschlag durchtreten und einen Wall of Noise zum Besten geben, der bei genauerem und mehrmaligem Zuhören auch Melodien preisgibt. Auf „Transfixiation“ werden sogar für ihre Verhältnisse etwas zurückgenommene Lärmorgien veranstaltet, so dass einige Titel Richtung Joy Division weisen, auch am Grabesgesang von Oliver Ackermann festzumachen. Zudem werden hier The Jesus And Mary Chain, My Bloody Valentine, Suicide und The Brian Jonestown Massacre zitiert. Am Ende klingt es nach A Place To Bury Strangers, denn sie hatten bereits mit ihrem Debüt ihren Sound gefunden, der nun mit jedem weiteren Album ausformuliert wird. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, den ohrenbetäubenden Lärm, das harsche Feedback und die mächtigen Rhythmen zu durchforsten, wird dahinter eine Schönheit entdecken, die auch das zweite Velvet Underground Album „White Light White Heat“ offenbart. Für Liebhaber der hier genannten Bands ein Freudenfest

ROADTRACKS #44


Andy Dale Petty – Frick’s Lament (Voodoo Rhythm)

 

Banjo, Gitarre, Gesang und ein wenig Drums. Mehr braucht Andy Dale Petty aus Georgia, Alabama nicht, um seine Songs dem einschlägigen Publikum zu präsentieren. Auf seinem zweiten Album für das schweizerische Label Voodoo Rhythm kehrt der Amerikaner wieder seine schlichte Seite hervor. Manchmal zieht er bei seinen Auftritten einen Schlagzeuger und zweiten Gitarristen hinzu, soweit es seine finanzielle Situation erlaubt. Für „Frick’s Lament“ tritt er fast als purer Troubadour an und macht keinen Hehl daraus, dass hier die Tradition von Woody Guthrie und Mississippi John Hurt in die Gegenwart transportiert wird. Die zwölf Titel wurden während einer Tour im italienischen Inside Outside Studio aufgenommen und zeigen auf, dass schlichte Folksongs auch im Jahr 2015 funktionieren. Andy Dale Petty spielt virtuos und geschmeidig seine Saiteninstrumente. Seine Stimme wirkt zunächst unauffällig, entfaltet ihre Qualitäten jedoch nach und nach. Er streut einige Instrumentals, die den Zuhörer zurücklehnen lassen und ihm sowohl Natur- als auch Seelen-Landschaften ins Kopfkino projizieren. Andy Dale Petty bietet 30 kurzweilige Minuten für alte und junge Folkies! Er hat zwar nicht die Pop-Affinität eines Jake Bugg, dafür Traditionsbewusstsein, Witz, Spielfreude und viel Engagement. Feine Sache!

Dos And Dust – Cape Disappointment  (Eigenproduktion)

 

Dass das Duo Dos And Dust eine Österreich-Bayern Kombination ist, lässt sich an allem anderen als ihren Songs ablesen. Mit dieser EP spielen sie sich in die Herzen der Liebhaber von Folk. Folk im Sinne von The Marble Man oder der Kings Of Convenience, letzteren die Speerspitze der Quiet is the new loud Bewegung. Nur selten ziehen Sebastian Müller und Michael Schmuck an der lauten Schraube, vielmehr zupfen und streichen sie sanft und zart die Saiten von Gitarren, Ukulele und Geigen. Hin und wieder eine stimmungsvolle Mundharmonika, ein Unheil verkündendes Cello und nicht zuletzt die wunderbar hell tönenden Stimmen der Beiden, ergeben in der Summe vier atmosphärisch-schöne Songs, die zum Schwelgen und wiederholten Hören einladen. Kein Kap der Enttäuschung, sondern poetisch-verträumte Hoffnungslieder auf und für eine bessere Zukunft!

Roadtracks #43

Sean Rowe – Madman (Anti / Indigo)

 

Wenn ein Künstler ein Meisterwerk aufgenommen hat, fürchten Publikum wie Kritiker das Nachfolgealbum und fragen sich ob es denn mit dem Vorgänger zumindest mithalten kann. „The Salesman And The Shark“ gehört zu jenen Alben, die in die Tiefe gehen, einem Gänsehaut bereiten und schließlich bei den Insel-Favoriten landen. Die weitreichenden Arrangements, die ausgeklügelten Songs und nicht zuletzt die unglaubliche, unverwechselbare Baritonstimme von Sean Rowe waren hierfür verantwortlich. Jene Stimme ist auch auf „Madman“ allgegenwärtig und sorgt für jene eigenständigen Momente, die musikverrückte Menschen wie du und ich immer wieder von neuem suchen. Rowe hat dieses Mal weniger die Arrangements ins Zentrum gerückt, vielmehr war es ihm ein Anliegen die emotionale Kraft seiner Live-Auftritte ins Studio zu transportieren. Die Produktion hat er in die eigenen Hände genommen und bei den Songs vor allem Gitarre und Stimme in den Vordergrund gestellt. Ein gelungenes Unterfangen, denn der emotionale Funke springt auf den Hörer über und Rowe versteht es einen in Bann zu ziehen. Auch wenn das aktuelle Album nicht ganz an den Vorgänger heranreicht, bleibt es für Sean Rowe Anhänger eine mehr als angenehme Pflicht jenem „Madman“ wiederholt zu lauschen. Diese Stimme: Ein schwarzes samtenes Bett, das zum Reinlegen einlädt!

Roadtracks #43

Easton Stagger Phillips – Resolution Road (Blue Rose Records)

 

Das Trio Easton Stagger Phillips (ESP) hat den Vorteil mit drei gestandenen Singer/Songwritern quasi selbstredend für Abwechslung zu sorgen. Dass alle Drei bereits mehrere Jahre bei Blue Rose Records unter Vertrag sind, spricht für Bodenständigkeit und hohe Qualität. Nachdem ESP ihr Debüt „One For The Ditch“ ziemlich spontan in Front Porch Atmosphäre einspielten, wurde für „Resolution Road“ geplanter vorgegangen. Zum Start präsentiert Evan Phillips (The Whipsaws) mit „Always Come Back To You“ einen sehnsüchtigen von Akustikgitarre und Piano getragenen Americana-Folk-Rock-Song mit einer eingängigen und überaus schönen Melodie. Zudem hat er mit seinen Americana-Pop-Songs „Lucilla“ und „Begin“ zwei weitere Asse im Ärmel. Leeroy Stagger, der zuletzt mit „Truth Be Sold“ ein Hammeralbum veröffentlicht hat, überzeugt hier mit dem leichtfüßigen „Traveller“, einem aufschürfenden „Life Of Crime“ und dem Rockabilly-Schleicher „Hwy Is My Home“. Der dritte und erfahrenste im Bunde ist Tim Easton, der mit „Stay“ und „So Much In Tune“ seine sonnigen, an CSNY mahnenden Seiten hervorkehrt. Auf „Those Good Times (LMSU)“ bietet er allerfeinsten Songrwiter-Pop und „Baby Come Home“ weist gar Beatles Qualitäten auf. Was allen Titeln gemein ist: Die süffig-sonnigen Chorstimmen, die mit den jeweiligen Lead-Vokalisten ein rundes Bild abliefern. Hinzu kommen versierte Studiomusiker, die dem Trio nicht nur Rückhalt geben, sondern gekonnte Melodie- und Rhythmussequenzen beisteuern. Unterm Strich: Ein sehr stimmiges, Laune versprühendes Album!

Roadtracks #43

The South Austin Moonlighters – Burn & Shine (Blue Rose Records / Soulfood)

 

Um dieses Album zu besprechen, bedarf es eigentlich nur Bandname, Plattentitel und Label zu benennen. Hilfreich wäre noch den legendären Saxon Pub zu erwähnen, in welchem The South Austin Moonlighters die ein oder andere Show spielten und schließlich eine privat herausgegebene Live-CD zimmerten. Die Mitglieder sind dennoch alte Hasen, waren und sind in anderen Bands wie z.B. Whiskey Sisters, Mother Truckers, Monte Montgomery und Deadman, um nur einige zu nennen. The South Austin Moonlighters fanden beim SXSW in Austin zueinander und spielten zunächst aus Spaß an der Freude zusammen. Weil alles so gut harmonierte, wurde nach besagter Live-Platte ein Studioalbum in Angriff genommen und voila, here it is: „Burn & Shine“. Tja und da brennt die Sonne und scheint der Mond auf Southern- und Roots-Rock, auf New Orleans R&B, der auch mal funky daherkommen darf und selbst Blues und Rockabilly  sind lediglich eine Cowboystiefelspitze entfernt. Muss noch erwähnt werden, dass auch die Schublade Texas- oder Country-Rock taugt? Freunde von John Fogerty bis zur Allman Brothers Band werden bei den 15 Titeln mit der Zunge schnalzen, in die Erde stampfen, das wenn noch vorhandene Haupthaar schütteln oder einfach lässig mit den Füßen wippen. „Burn & Shine“ macht gute Laune, ist bodenständiges Handwerk, das die Kunst der homogenen Stilvielfalt beherrscht und hat mehrere Ohrwürmer und Gassenhauer, die im Gedächtnis bleiben. Ein Rock’n’Roll Feuerwerk!

Roadtracks #43

The Howlin‘ Brothers – Trouble (Continental Rose Records)

 

Keine Blutsbrüder, aber Brüder im Geiste sind The Howlin‘ Brothers, die zu den Americana String Bands gerechnet werden müssen. In ihren Ansätzen sind sie den Avett Brothers, Old Crow Medicine Show und The Felice Brothers nicht unähnlich. Dabei bringen sie Genres wie Folk, Blues, Country, Jazz, Bluegrass und Rockabilly auf einen Nenner, wobei ihnen das Kunststück gelingt, jene traditionellen Stilmittel frisch und unverbraucht zu präsentieren. Zu den Höhepunkten zählt das mit Country-Fiddle und Hawaii-Gitarre schmachtende „World Spinning Round“  sowie das gemütvolle und im Rhythmus trabende „Sing A Sad Song“, das mit allerlei Saitenspielereien und eindringlicher Singstimme überzeugt. Wiederholt variieren sie von Stück zu Stück das Tempo, so dass der Zuhörer bei der Stange bleibt und keine Langeweile aufkommen kann. Zudem werden die Gesangsparts unter dem Trio aufgeteilt. An Instrumenten haben Ian Croft,  Ben Plasse und Jared Green Banjo, Mandoline, Fiddle, Kick Drum, Kontrabass, akustische und elektrische Gitarre, Mundharmonika und Piano im Gepäck. Woraus sie jenen locker-gekonnten Stilmix formen, der einerseits zum Mitwippen, andererseits zum sehnsüchtigen Schwelgen einlädt. Mit ihrem fünften Album gehören The Howlin‘ Brothers zu den ersten Acts der Kooperation zwischen den niederländischen Continental Record Services und Blue Rose Records. Drei Geistesbrüder im Zeichen einer kontinentalen Rose, wenn das mal nicht ein gutes Omen für die Zukunft ist.

Roadtracks #43

Roy And The Devil’s Motorcycle – Tino – Frozen Angel Film Soundtrack (Voodoo Rhythm / Cargo)

 

Bei dem Bandnamen mussten sie ja mal einen Biker-Soundtrack einspielen. Wobei die Schweizer Formation Roy And The Devil’s Motorcycle eigentlich nicht viel anders macht als auf ihren vorangegangenen Alben. Psychedelic-, Biker- und Space-Rock waren schon immer ihre Zutaten, jedoch mit einer radikalen Haltung und Vorgehensweise, die seinesgleichen sucht. Die drei Stähli Brüder (alle Gesang und Gitarre) wechseln zwar alle paar Jahre den Schlagzeuger, nicht aber ihren extremen Stil, der von Martin Rev (Suicide), Acid Mother Temple, Sonic Boom und Spiritualized geschätzt wird. Geradezu prädestiniert waren sie für den Film Soundtrack „Tino – Frozen Angel“, der die Geschichte des schweizerischen Hells Angels Bosses erzählt. Wie kein anderer verkörperte dieser den Schweizer 68er Traum von Freiheit und Selbstverwirklichung. Ein Traum, der zum Alptraum wurde und über verschiedene Gefängnisaufenthalte das Ende mit Tinos mysteriösem Tod in Bolivien 1981 fand. Die Dokumentation erzählt in beeindruckenden Archivbildern und Interviews mit Zeitzeugen eine revolutionäre Geschichte, die mit einem verstörenden Soundtrack von Roy And The Devil’s Motorcycle die Filmbilder lebendig werden lässt und ihnen gar eine neue Dimension hinzufügt. Fetzen aus lärmenden Feedback-Gitarren, Stimmen, kriechender Psychedelic-Blues, Klang-Kaskaden, beunruhigende und brodelnde Soundsplitter fügen sich mit den bewegten und bewegenden Bildern zu einem Gebilde, das Hippie- und Rebellentum, Autonomie, Anarchie und den Wunsch nach Freiheit widerspiegelt. Ein Trip durch Zeit und Raum, der lange in einem nachhallt. Das Vinyl Album komm mit CD + DVD + Movie Poster, die CD-Version ebenfalls mit DVD.

Woomera – Woomera (CD-Single, 2014)

 

Eine neue Band aus Ulm namens Woomera hat eine DIY CD-Single mit zwei Stücken im Gepäck. Mit einer Gesamtlänge von beinahe 14 Minuten geht diese auch gut und gerne als EP durch. Auf ihrer Facebook-Seite ordnen sie ihre Musik unter Stonerrock ein. Das über 7 Minuten andauernde „My Reasons“ zeigt bereits das Talent des Quartetts aus der Münsterstadt. Mit Monsterriffs, die Richtung Black Sabbath weisen starten sie den Titel und schicken ihn schließlich auf eine Psychedelic-Rock-Reise, deren Haltestationen die Namen Jimi Hendrix, Wipers, Iron Butterfly, Queens Of The Stone Age und Sonic Youth tragen. Dabei finden sie durchaus ihre eigenen Noten, wozu der somnambule Gesang von Simon Besenthal beiträgt, aber auch dessen und Nikita Mironovs Stromgitarrenspiel. Nicht minder essentiell das Zusammenspiel von Bassist Daniel Janus und Schlagzeuger Dario Schmid, die nicht nur stur Rhythmus klopfen können, sondern gerade das filigran-feinsinnige Agieren beherrschen. Lediglich der Gesangspart zu Beginn des zweiten Songs „Cross The Line“ wirkt nicht ganz stimmig, was sich im Verlauf des Titels erledigt, denn Besenthal findet zu seinem nachtwandlerischen Stil zurück, der von klirrend-twangenden Gitarren flankiert wird. Bass und Schlagzeug sind psychedelisch gestimmt, flirten förmlich mit den Gitarren bis man wirklich die Grenze überschritten hat und sich im Woomera-Land des schillernden Coverartworks widerspiegelt. Ziemlich guter Anfang des Ulmer Quartetts, das hoffentlich bald mit einem Album nachlegt!

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Hawelka – Spiegel der Zeit

 

Hawelka sind ein Trio aus Stuttgart, das sich um den tschechischstämmigen Liederschreiber Petr Novak formiert hat. Die Orgel spielt Jan Georg Plavec und das Schlagzeug Christian Seyffert. Seit 2007 tüfteln sie an ihrem Sound, der schließlich auf der Debüt-EP „Zuversicht und Kippen“ erste Konturen annahm. Und jetzt blicken die Drei in den „Spiegel der Zeit“, so der Titel ihres neuen Werks. Das Presseinfo sagt: „Ein Album wie ein Roadtrip nach Osteuropa mit Jim Morrison auf dem Beifahrersitz und einer Buddel Schnaps im Handschuhfach.“ Dementsprechend wird hier Rock mit Blues und osteuropäischer Polka vermengt. Dazu kann wahlweise das Tanzbein geschwungen werden oder die melancholische Seele mit Hochprozentigem getränkt werden.

 

Dem Trio gelingt das Kunststück das allzu Folkloristische außen vor zu lassen und dabei die Tür zur „Whiskey Bar“ der Doors weit aufzustoßen. Zudem wagen sie es mit ihren Texten „bis ans Ende der Nacht“ zu gehen. Deutschsprachige Bands neigen eigentlich eher zu einer intellektuelleren Herangehensweise, wobei oft die Poesie auf der Strecke bleibt. Diese wird bei Hawelka ausgekostet, da regnet es „Rosenstaub“ oder es wird eine „Kanufahrt“ unternommen. Der osteuropäische Zungenschlag, mit dem Sänger Petr Novak die deutschen Texte singt, ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, stellt sich jedoch als Ass im Ärmel des Trios heraus und entpuppt sich letztlich als Aushängeschild und Alleinstellungsmerkmal.

 

Jan Georg Plavec spielt eine Ray-Manzarek-The-Doors-Gedächtnis-Orgel, bringt das Psychedelische und Kunstfertigkeit zusammen. Schlagzeuger Christian Seyffert kann sowohl die Polka rumpeln als auch punktgenaue Rock-Rhythmen setzen. Petr Novaks Gitarre versteht es Blues, Pop und Rock auszutarieren und kommt dabei ganz ohne Manierismen aus. Hawelka sind mit ihrem Album eine neue Hoffnung für die deutschsprachige Pop-Musik und sollten es eigentlich schaffen weit über den Stuttgarter Raum hinaus bekannt zu werden. Das Potential ist jedenfalls vorhanden!

 

Das Album kann auf der Homepage von Hawelka als Vinyl oder CD erworben werden sowie auf Konzerten der Band. Zudem im Schallplattenhandel bei Ratzer Records und Second Hand Records in Stuttgart.

Anhören kann man es hier

Songs To The Siren – 3

 

Eigentlich sind wir ja noch mit dem wunderbaren „Treetones“ von Waiting For Louise beschäftigt, doch der nimmermüde Michael Mann schüttelt 2014 sein bereits zweites Ass aus dem Ärmel und legt mit seiner Projektband Songs To The Siren das Album mit einem gewohnt schlichten, durchnummerierten Titel, hier folgerichtig „3“, vor. Die Anhängerschaft von Tim Buckley weiß natürlich um den Songtitel gebenden Bandnamen und dass Songs To The Siren auf ihrer ersten Veröffentlichung ausschließlich Tim Buckley gecovert hatten. Dies änderte sich bereits auf dem vorzüglichen „2“, als sie neben jenem Ausnahmekünstler auch Nick Drake, John Martyn und Amon Düül II interpretierten.

 

Messer und Löffel

 

Auf ihrem dritten Werk reichen sich jeweils drei Nick Drake und drei Tim Buckley Versionen die Hand, zudem setzten STTS ihre Krautrock-Cover Tradition dieses Mal mit den legendären Can fort. Dabei nehmen sie sich gleich deren bekanntesten Titel „Spoon“ vor, der seinerzeit dem Francis Durbridge Klassiker „Das Messer“ sein musikalisches Gesicht verlieh. Songs To The Siren interpretieren jene Nummer zwar nicht völlig neu, verpassen ihm jedoch einen anderen Charakter. Aus Space-Rock wird hier Folk-Rock mit den typischen STTS Zutaten. So ersetzen sie bspw. die elektronischen Elemente mit geheimnisvoll beschwörenden „Hahas“ aus dem Munde von Michael Mann und hinzu kommt das wohlbekannte zirpende Saitenspiel, das hier mit rumorend-rumpelnder Rhythmik unterfüttert wird. Dazu malt das indische Harmonium mit einer exotischen Klangfarbe.

 

Nick Drake: Ein Ort, ein Ding, ein Parasit

 

Zu Beginn platzieren STTS drei Nick Drake Songs, von denen das herrliche „Place To Be“ den Anfang macht. Dabei tauchen sie das Original in ein neues Licht mit flüssig-weichen und hellen Akustikgitarrentönen, die im Verlauf mit einer zwingenden Lee-Underwood--Gedächtnis-E-Gitarre (gespielt von Frank Preuß) flirten dürfen. Eine besondere Rolle nimmt Mathias Schüller (Schlagzeug, Perkussion) auf „One Of These Things First“ ein. Er lässt den Trommelstöcken ziemlich freien Lauf, den auch zeitweise Bassist Peer Sitter seinen vier Saiten gewährt. Michael Mann übernimmt als Sänger und Akustikgitarrist die Rolle der Verknüpfung von Melodie und Rhythmus. „Parasite“ leuchtet in den hellblauen bis dunklen Farben des Covermotivs und fasziniert mit feinsinnigen Klangfiguren.

 

Tim Buckley: Der Fluss ins Glück und das Sirenenlied

 

„The River“ gerät zum Fluss ins Glück, denn wie hier E- und A-Gitarre, Bass, Drums und das wie Sonnenlicht auf Wasser glitzernde Pianospiel (Peer Sitter) auf poetische Weise miteinander kommunizieren, ist ganz große Kunst. Dazu raunt und klagt Mann voll wehmütiger Inbrunst. „Happy Time“ macht das Hörers Glück perfekt, tänzelt leichtfüßig in die Melancholie, in die der „Song To The Siren“ getaucht wird. Im Gegensatz zum Original interpretieren die Männer vom Niederrhein etwas zurückgenommener, beinahe in sich gekehrt, lassen die Töne hauchzart an die Oberfläche, so dass die nach und nach beinahe verschwindende Singstimme umso aufmerksamer vernommen wird.

 

Wiederholt ist es auch der Raum zwischen den Noten, das luftige Klangbild, das wie ein Sauerstoffzelt diese Aufnahmen umhüllt und diese Platte zu einem Genuss werden lässt. Auch ein Verdienst von Tonmeister Mark Seidel, der hier ganze Arbeit geleistet hat, so wie alle an diesem wunderbaren Projekt Beteiligten. Nach „Treetones“ eine weitere Großtat aus dem Hause Michael Mann!

 

Das Album "Songs To The Siren 3" kann hier käuflich erworben werden

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ROADTRACKS # 41

Vier Ohren / Zwei Meinungen (Kritiken von Heino Walter und Günter Ramsauer)

Waiting For Louise – Treetones

Eigenvertrieb: www.waiting4louise.de

Setzte das letzte WAITING FOR LOUISE Album ROADSONGS FOR THE BUSINESS CLASS von 2010 bei mir noch einen Schwall von Assoziationen frei, so ringe ich bei TREETONES damit, die Aufnahmen in einen Zusammenhang im Pop-Universum zu bringen. Zu eigenständig, unabhängig und beständig gereift ist die Band, um sich plump zu- und einordnen zu lassen. Bisher konnte man sich immer noch mit „Americana im weitesten Sinne“ herauswinden, wenn es um eine schnelle Beschreibung gehen sollte. Aber TREETONES sprengt selbst solch eine weit gesteckte Markierung.

W4L bestand bei den neuen Aufnahmen aus Mastermind MICHAEL MANN (Gesang, akustische und Bariton-Gitarre, Banjo, Mundharmonika und Harmonium), DETLEF GOCH (Drums & Percussion), JOHANNES LEHMANN (Bass) und UTE RETTLER (akustische und elektrische Gitarren und Mandoline). Ein eingespieltes Team von Amateurmusikern, die wie Vollprofis klingen. Harmonisch, akzentuiert, flexibel und kreativ schaffen sie Stimmungsbilder, die anregend sowie phantasie- und geschmackvoll umgesetzt werden. Eigentlich verbietet es sich, dieses Gesamtkunstwerk durch profane Worte zu sezieren, denn das Konstrukt wirkt unantastbar. Andererseits ist es ein Genuss, über diese Musik zu philosophieren, weil sie so tief berührt und so inspirierend aufgebaut ist.

Die selbstgebrannte CD umfasst 7 Lieder in 45 Minuten. Man lässt sich also Zeit bei der Umsetzung und spielt alle Trümpfe aus, die unabhängig tätige Musiker ausspielen können. Die Band ist keinem Druck und keinen externen Verpflichtungen ausgeliefert. So muss das Ergebnis nur den eigenen Qualitätsansprüchen genügen und die sind aufgrund des großartigen Back-Kataloges enorm.

Und trotzdem hat das Musiker-Kollektiv mal wieder alles richtig gemacht. Bei SOME PEOPLE fügen sich alte Texte mit neuen Ideen zu einer Geschichte, die aus zwei Blickwinkeln erzählt wird, zusammen. Auch die Musik schöpft aus verschiedenen Quellen. Leichte Jazz-Tendenz herrscht beim Rhythmus vor. Die Melodie hat ihre Wurzeln im Folk, lotet aber die Grenzen dieses Stils großzügig aus.

Die Geschichte eines nur suboptimal abgelaufenen Rendezvous erzählt augenzwinkernd BALLAD OF BLITZEN TRAPPER & THE SCORPIONS. Die gewählte musikalische Untermalung entzieht sich herkömmlichen Kategorisierungen. Das Erzählerische steht im Vordergrund. Die Band unterstützt dies mit Gitarrenspuren, die sowohl im Psychedelic- wie auch im Alternative-Rock zuhause sein könnten. Das Glockenspiel sorgt für eine aufhellende Komponente bei dieser ernsthaft vorgetragenen Geschichte.

Mit SONG TO A TATTLER covern sich W4L selbst. Das Lied wurde schon 2008 auf dem Album NEW TRICKS FOR OLD DOGS veröffentlicht. Sie geben dem Song eine vollständig neue Ausrichtung, so dass man zunächst nur am Text erkennt, dass es derselbe Titel ist. Der ursprünglich akustisch ausgelegte dynamische Folk-Song bekommt in der Überarbeitung eine elektrische Basis und mutiert dadurch zu einem flirrenden Klanggebilde. Das ist die hohe Kunst der Interpretation, solch einen Abstand zum Original zu finden.

SEQUOIA TREE verarbeitet Urlaubseindrücke, die MICHAEL MANN im Sommer 2012 im Sequoia-Nationalpark in Kalifornien sammeln konnte. Er besuchte den dort vorzufindenden General-Sherman-Mammut-Baum, der der voluminöseste lebende Baum und damit das größte Lebewesen der Erde ist. Sein Alter wird auf über 2.000 Jahre geschätzt. Dieses Erlebnis führte dazu, dass sich der Text zu einer Musik, die schon fast fertig war, fast wie von selbst gesellte. Das Ergebnis ist ein grandioser psychedelischer Folk-Song, wie er eindringlicher auch nicht an der Westküste der USA Ende der 60er Jahre von GRATEFUL DEAD oder DAVID CROSBY hätte erfunden werden können. Mindblowing!

TALKING BIG hat auch schon eine längere Geschichte im Songbook von MICHAEL MANN hinter sich. Der Song stammt von seinem Blues-Rock-Nebenprojekt mit dem Namen RUSTY NAILS und erblickte schon 1992 das Licht der Welt. Der im Original überhitzte, schnelle New-Wave-beeinflusste Song wurde hier drastisch entschleunigt und bekommt als Folk-Rock im Walzertakt eine neue Identität.

Verlorene Banjo-Klänge und Regen-Geräusche leiten das melancholische I LOVE THE RAIN ein, das auch aufgrund von Inspirationen auf der USA-Reise entstand. Würde T-BONE BURNETT die Gruppe WAITING FOR LOUISE kennen, hätte er sie sicher alleine aufgrund dieses Titels zu den Sessions zum Film INSIDE LLEWYN DAVIS eingeladen. So authentisch, mit so viel Lebensgefühl variieren sie hier US-Folklore.

Das autobiographische Lied AMSTERDAM RECORD SHOP erinnert an die Zeit, als es noch individuell ausgestaltete Plattenläden gab, die die musikalische Sozialisation von Musikfreunden nachhaltig prägten. In über 9 Minuten schwelgt die Band in Erinnerungen. Das Werk ist dabei keine Sekunde zu lang, sondern verbreitet ein angenehmes laid-back-Feeling. Der Bass brummelt wohlig und sparsame Percussion hält die Spannung am köcheln. Die stoische Akustik-Gitarre sorgt für einen Wiedererkennungswert und die elektrische Gitarre setzt einen strahlenden, entspannten Hintergrund. Das zeigt Geschmack und hat Stil.

W4L sind Fixsterne am deutschen alternativen Musik-Himmel. Auf sie ist Verlass. Sie verblüffen ständig von Neuem und können auch mit TREETONES wieder auf der ganzen Linie überzeugen. (Heino Walter)

 

Waiting For Louise – Treetones (E=MC²)

 

Das Theaterstück “Warten auf Godot” von Samuel Beckett

lässt offen wer oder was Godot ist und die beiden Protagonisten sitzen neben einem Baum, um über Sinn und Sinnlosigkeit des Wartens/Lebens zu philosophieren. Noch schmerzhafter scheint es auf Louise zu warten, John Lee Hooker heulte in seinem Song „Louise“: „Yeah, you know, Louise / I ain’t had no lovin‘, not since you been gone.“ Völlig hoffnungslos auf Paul Siebels zu Tode gekommene „Louise“ zu warten: „Too bad she had to go this way / But the wind is blowin cold tonight / Good night Louise good night.“ Wir wissen nicht wie die Band Waiting For Louise zu ihrem Namen kam, Samuel Beckett und John Lee Hooker sind schwerlich mit dem Quartett vom Niederrhein in Verbindung zu bringen, der Folk-Country-Sound des vergessenen Singer / Songwriters Paul Siebel dagegen schon, wenn auch in ganz anderer Form. Paul Siebels Album „Woodmakers And Oranges“ zählt zu W4L-Frontmann Michael Manns Favoriten, erschien 1970 auf dem Label Elektra, das auch Tim Buckley veröffentlichte, der wiederum vom Waiting For Louise Sängers anderer Band Songs To The Siren gewürdigt wird.

 

Mit Waiting For Louise legt der hauptsächliche Liederschreiber Mann nun das fünfte Album vor. Was quasi als Coverband begann, hat sich längst zum besten Americana-Act in Deutschland gemausert und inzwischen covern sie sich selbst, indem sie auf „Treetones“ neben aktuell geschriebenen Songs auch altes Material neu interpretieren oder umformen und ihrem sanft gewandelten Klangbild anpassen. Nach ihrem kleinen Wunderwerk „Roadsongs For The Business Class“ erklingen nun die „Treetones“, ein Kunstwort, das ich mal ganz frei mit Baumtöne übersetzen würde.

 

Das Album startet mit „Some People“, das mit zart-zirpendem Saitenspiel und einem satten, psychedelisch angehauchten Westcoast-Groove daherkommt. Dazu raunt Mann im Refrain: „Me I’m just sitting here to figure it out / If there’s something I could do or say or try“ und lässt damit in gewisser Weise an die Figuren in „Warten auf Godot“ denken. Danach wird die “Ballad Of Blitzen Trapper & The Scorpions” intoniert mit einem speziellen und dynamischen Spannungsbogen, der sich auf „Song To A Tattler (From Room 511)“ fortsetzt. Das Herzstück des Albums bildet der „Sequoia Tree“, der Manns Begegnung mit dem General Shurman Tree in Kalifornien reflektiert und auch im vorzüglich geratenen Coverartwork festgehalten wurde. Musikalisch wird hier feinster psychedelischer Westcoast-Folk im Geiste David Crosbys geboten.  Manns Stimme erinnert wiederholt an Robert Foster (The Go-Betweens) was Intonation und Phrasierung betrifft, jedoch mit ganz eigener Stimmfärbung.

 

Ganz bedächtig und schwergewichtig schaukelt sich „Talking Big“ in Crazy Horse ähnliche Sphären. Wie in Trance tuckert anschließend das Banjo auf „I Love The Rain“ und die Titelzeile wird wie ein Mantra wiederholt, während mit musikalischen Mitteln der ersehnte heimatliche Regen hergestellt wird. Wenn der „Sequoia Tree“ das Herzstück des Albums ist, ist der „Amsterdam Record Shop“ die Lunge mit dem langen Atem, denn hier wird beinahe zehn Minuten lang über die Magie der Jugend und jenen Schallplattenladen meditiert, der keineswegs in Amsterdam, sondern im Duisburg der 70er seine Heimstätte hatte. Weniger der Ort, vielmehr ist die Erinnerung an jene unbeschwerten Tage wichtig, die hier mit tranceartigen Saitenspielereien und bedächtigen, dennoch wach klopfenden, perkussiven Rhythmen dargestellt werden. Dazu flüstert Mann seine Sehnsüchte „And I wish that it would be like Seventy-seven“ und lässt dabei jegliche weinerliche Sentimentalität außen vor. Waiting For Louise gelingt dabei ein Klanggemälde, das zwischen Westcoast-Folk-Rock und der Magie der frühen Wovenhand anzusiedeln ist, als Überbegriff dient hierbei wieder die gute alte Tante Americana.

 

Ist es Zufall oder Fügung, dass ich nach „Treetones“ den Song „Tree“ der Incredible String Band mit der Zeile „I had a tree in the dream hills where my childhood lay“ anhörte? Im Anschluss dann „Hat Of Rain“ aus dem Album „Haw“ sowie „Father Sky“ aus dem Album „Lord I Love The Rain“, beide von Hiss Golden Messenger? Schließlich „Spring Rain“ von The Go-Betweens? Vielleicht wäre es auch mal wieder an der Zeit das Ohr an einen alten Baumstamm zu halten, um dessen Geschichten und jenen Treetones zu lauschen. Oder Becketts „Warten auf Godot“ zu lesen, im kalten Winter sicherlich die bessere Variante. Dass eine so scheinbar kleine, unscheinbare Band vom Niederrhein mit ihrem neuen Album ganze Assoziationsketten in Gang setzt ist beachtlich. Wichtiger aber:  Mit „Treetones“ ist ihnen ein vorzügliches Stück Musik gelungen, ein weiteres kleines Wunderwerk, das dem Vorgänger in nichts nachsteht! (Günter Ramsauer)

 

Die CD "Treetones"kann hier gekauft werden.

 

 

ROADTRACKS # 41

 

M.C. Hansen & His Band – Live At The Brewery (Sentimental Music)

 

M.C. Hansen und seine Band kommen aus Dänemark und feiern ihr zehnjähriges Bestehen mit “Live At The Brewery“, einem nicht nur tontechnisch hervorragenden Mitschnitt. Seit 2003 ist er unterwegs und spielt im Jahr an die 120 Shows, dabei tourte er mit so illustren Interpreten wie Gurf Morlix, Ana Egge, Dana Cooper oder Sam Baker. Das vorliegende Livealbum dokumentiert eindrucksvoll die Qualitäten des Singer/Songwriters und Gitarristen, der hier in Jacob Chano (Drums), Morten Brauner (Bass) und Gitarrist Uffe Steen großartige Begleiter gefunden hat. Vom ersten Ton an verstehen es die Vier mit ihren Klängen eine dichte Atmosphäre in den Raum zu zaubern. Dabei erinnert die Herangehensweise durchaus an Hochkaräter wie Lyle Lovett oder Townes Van Zandt. Zirpendes akustisches oder stimmungsvoll elektrisches Saitenspiel trifft auf ein federndes Rhythmusgerüst und mittendrin die sanft schwingende Stimme Hansens, der mit feinfühligen und poetischen Phrasierungen überzeugt. Knapp 61 Minuten lang wird man von der Leichtigkeit, der Intensität und den Emotionen mitgezogen und fühlt sich schließlich als Teil des Ganzen. Die Liner Notes sprechen für sich: „This is folk music... it’s country music, it’s free-jazz with a redneck groove and a poetic vibe. The sound of Scandinavia in American clothes – it’s Scandicana!” Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

ROADTRACKS # 41

 

Matt Elliott – Only Myocardial Infarction Can Break Your Heart (Ici d’ailleurs / Cargo)

 

Der Singer/Songwriter Matt Elliott hat bereits unter dem Namen Third Eye Foundation elektronische Musik und Drum’n’Bass veröffentlicht. Hiervon hat er sich mit seinem aktuellen Album weit entfernt und gibt nun eine Art Folk Noir zum Besten, der mit dem 17-minütigen Eröffnungstitel „The Right To Cry“ dem Hörer einen ersten Brocken vorsetzt. Wobei die Minuten in einem schön verlaufenden Fluss vorüberziehen, das Dunkle und Melancholische manifestieren sich im tief rumorenden Viola- und Kontrabassspiel, wogegen die Akustikgitarre ein Lichtgewebe spinnt und Elliott mit sowohl tiefer als auch zärtlicher Stimme beinahe flüstert. Der Zuhörer ist berührt, folgt den fein mäandernden Melodiebögen, während sich am Firmament dunkle Cello-Wolken und geheimnisvolle Chorstimmen formieren. Sein Bariton auf „Reap What You Saw“ setzt einen dunklen Kontrast zu seinem lichten, spanisch angehauchten Akustikgitarrenspiel und das Piano lässt Sonnenstrahlen blitzen. Im Prinzip lassen sich die weiteren fünf Stücke wie die ersten beiden beschreiben und machen das Album zu einer runden Sache. Längere atmosphärische  Instrumentalpassagen sollte man schon mögen, dann steht dem Genuss nichts mehr im Wege. Zu gute gehalten werden sollten ihm auch seine ungewöhnliche Herangehensweise sowie die adäquate Umsetzung seiner Ideen. Das wirkt nicht gewollt, sondern entwickelt sich organisch und sollte eher dem Art- als Prog-Folk zugerechnet werden. Irgendwo zwischen Mark Lanegan und Alasdair Roberts sitzt Matt Elliott, spielt die spanische Gitarre und flüstert uns sonore Worte ins Ohr. Die Gefahr eines im Albumtitel angedeuteten Herzinfarkts bleibt außen vor.

ROADTRACKS # 41

 

Best Coast – Fade Away (Kobalt Label Services / Rough Trade)

 

Bethany Cosentino und Bobb Bruno sind Best Coast, die mit dem Album “Crazy For You” für Furore sorgten. Sie fanden sich plötzlich auf Bühnen mit No Doubt und Green Day wieder. Zudem wurden Duette mit Kendrick Lamar und Iggy Pop gesungen und weitere Kollaborationen mit bekannten Künstlern folgten. „Fade Away“ ist eine neue EP oder auch Mini-Album des Duos mit 27 Minuten Spielzeit und ist mehr als ein Vorbote für das neue Album, das in der ersten Jahreshälfte 2014 erscheinen soll. Bereits der Auftakt offeriert Girl-Pop/Rock, der die Sixties mit der Moderne verbindet und mit jeder Menge Elan und Spielfreude vorgetragen wird. Da blitzen die 70er in Form von Blondie-New-Wave-Elementen genau so wie Shoegazer/Dream-Pop der 80er auf. Das Besondere daran ist die Homogenität, die hier an den Tag gelegt wird und natürlich die zuckersüße, inzwischen durchaus gereifte Singstimme Cosentinos. Bobb Bruno tritt als versierter Multi-Instrumentalist in Erscheinung und die Produktion hat den notwendigen Druck. Das Klangbild ist transparent bis perfekt und so dürfen wir hier sieben Songs lang mitwippen oder das Tanzbein schwingen. Die Vorfreude auf’s neue Album ist mehr als geschürt.

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